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CD NICOLA A. PORPORA „CARLO IL CALVO“ – Weltersteinspielung mit Cencic, Fagioli, Lezhneva, De Sà, Nekoranec und Wang. Parnassus arts productions

30.12.2022 | cd

CD NICOLA A. PORPORA „CARLO IL CALVO“ – Weltersteinspielung mit Cencic, Fagioli, Lezhneva, De Sà, Nekoranec und Wang; George Petrou dirigiert die Armonia Atenea; Parnassus arts productions

Veröffentlichung: 5.1.2023

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Wir erinnern uns: Es war die erste Premiere im ersten Jahr des Bayreuth Baroque Festival 2020. Das Internationale Festival der Opera Seria Bayreuth Baroque im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth schloss im September direkt an das Richard-Wagner-Fest an. Das architektonisch exquisite, 1748 eröffnete Theater Wilhelmines von Bayreuth wurde aus dem musealen Schlaf wach geküsst und lebendiger Schauplatz von Opernraritäten des 18. Jahrhunderts.

Der künstlerische Leiter, Countertenor, Regisseur und Produzent Max Emanuel Cencic ist ein Universalist und Allrounder erstaunlicher Sorte. Im Eröffnungsjahr hat er sich besonders viel zugemutet. Es ging ja auch um einiges: Wird das Festival angenommen, geht das Konzept auf, verkaufen sich die Karten? Also hat er bei Porporas „Carlo il Calvo“ einfach alles selber gemacht: Regie, Casting, Stoffe ausgesucht und was da noch alles zu tun ist. Damit nicht genug, hat Cencic auch die Hauptrolle des Lottario selbst übernommen. Es wurde ein künstlerischer, medialer und Publikumserfolg sondergleichen, der dazu führte, dass im dritten Jahr des Festivals Karten ebenso Mangelware waren wie einst beim Wagner-Festival auf dem Grünen Hügel. Und die Geschichte geht weiter.

Über die szenische Produktion habe ich im Online Merker am 6.9.2020 („Das Opernwunder von Bayreuth“) berichtet. Die Besprechung ist im Archiv an erster Stelle zu finden. Ein Jahr später, im August 2021 hat das Premieren-Ensemble die Oper in Athen unter Studiobedingungen aufgenommen. Die Oper ist rein akustisch ebenso ein Knüller wie die äußerst unterhaltsame szenische Produktion, in der Cencic nach schräger Telenovela-Manier das streitbare und intrigante Drogen- und Clanmilieu aufs Korn genommen hat: Sex and crime plus Liebesirrungen und -wirrungen passen bekanntlich ja immer.

Dass „Carlo il Calvo“ nicht einfach live mitgeschnitten wurde, sondern sorgfältig vom 17. bis zum 25. August in der Athens Concert Hall produziert wurde, erweist sich als ein Glücksfall. So hören wir das herausragende Expertenensemble dieser neapolitanischen opera seria hier in optimaler stimmlicher Verfassung. Technisch wurden alle Register gezogen, damit Orchester und Gesang optimal ausbalanciert abgemischt zu uns ins Wohnzimmer kommen. Auf die Natürlichkeit im Klang der Stimmen und der vielfältigen Farben der historischen Instrumente wurde besondere Rücksicht genommen.

„Carlo il Calvo“ fügt sich in eine behutsam entwickelte Strategie bei Parnassus. Cencic, der sich seit Jahren intensiv mit dem Schaffen Nicola Porporas beschäftigt, hat 2018 zum 250. Todestag des Komponisten ein Solo-Album mit sieben Erstaufnahmen bei DECCA herausgebracht, nachdem er beim selben Label ebenfalls 2018 mit der ersten Gesamtaufnahme von Porporas Oper „Germanico in Germania“, u.a. mit der russischen Barocknachtigall Julia Lezhneva, nachdrücklich auf die musikalischen Qualitäten des neapolitanischen Barockmeisters aufmerksam gemacht hat.

Nicola Porpora hat in seinen Da capo Arien und Ensembles die Limits der menschlichen Stimme ausgereizt, weil ihm damals die adäquaten Sänger, darunter viele Starkastraten wie Carestini oder Domenico Gizzi zur Verfügung standen. Menschlich einfach war Porpora nicht, er war als grantiger Choleriker verschrien, was auch Joseph Haydn zu spüren bekam, als er in Wien 1751 als Korrepetitor bei diesem über alle Grenzen hinweg berühmten Gesanglehrer arbeitete. Als Pädagoge muss Porpora eine Koryphäe gewesen sein, wie die Liste seiner Schüler von Farinelli über Caffarelli bis zu Hasse bezeugt. Der Komponist von 54 Opern, vielen Oratorien, Messen, Kantaten, Serenaden und Kammermusik durchmaß eine lange und erfolgreiche Karriere in ganz Europa mit Stationen in Wien, Venedig, Rom, Mailand und London. Nachdem er sich stilistisch selbst überlebt hatte, starb Porpora 81-jährig vergessen und verarmt im Neapel.

Boris Kehrmann wirft im Booklet die interessante Frage auf, ob Porpora unterrichtete, um seinem Werk die richtige Ausführung zu sichern, oder ob er komponierte, um Sänger auszubilden? Er kommt zu dem Schluss, dass die Opern Porporas veritable „Gesangschulen“ gewesen sein könnten. „Fast alle Arien beginnen mit einem Orchesterritornell, das das Gesangsthema instrumental vorwegnimmt, als wolle er seinen Schülern demonstrieren, dass ihre Stimmen geschmeidig wie eine Geige klingen müssen.“ In den auskomponierten Variationen konnte die Kunst der Verzierungen erlernt werden.

„Carlo il Calvo“ war Porporas 40. Oper, und seine fünfte für das Teatro delle Dame in Rom. 1738 uraufgeführt, weist die der Reifezeit des Komponisten zuzuordnende Musik zu einer tragikomischen karolingischen Familienstory rund um einen Patriarchen, der mit seinen zwei Ehen für allerlei familiäre Turbulenzen wie Erbschafts- und Machtgerangel sorgt, eine Vielfalt an Stimmungen und Affekten auf. Die Handlung basiert auf einem venezianischen Libretto des Francesco Salvini von 1699, das unter verschiedenen Namen von Komponisten wie Vinaccesi, Keller, Alessandro Scarlatti, Orlandini und Telemann vertont wurde.16 der 26 Arien sind arie di azione, sieben Gleichnisarien, es gibt zwei introspektive Affektarien und Asprandos „Temer della sorte“ (der junge tschechische Tenor Petr Nekoranec mit einem charaktervollen Timbre) ist eine lehrhafte aria di sentenza.

Porpora wusste die einzelnen Protagonisten musikalisch individuell zu zeichnen als auch eine dramaturgisch sinnige Abfolge von überwiegend halsbrecherischen Bravourarien unterschiedlicher Couleur einzurichten. Da gibt es Sturm-Gesänge des Adalgiso mit klangmalerischem Wüten der Winde auf dem Meer (als virtuoser Stimmpyromane mit einem stupenden Stimmumfang gesegnet fegt Franco Fagioli durch diese große Partie, sein ausgeprägtes Vibrato allerdings ist meine Sache nicht), Giuditta (Suzanne Jerosme) kann als „aufbrausend temperamentvolle Mutter“ auch vokal ihre Tigerinnenkrallen ausfahren. Max Emanuel Cencic darf als anfangs ruchloser ‚dissoluto‘ in atemberaubendem Tempo durch die Koloraturen rasen wie so manch Ferrarifahrer auf deutschen Autobahnen. Später lässt ihn Porpora gemäßigtere Töne anstimmen. Reine vokale Wonnen verströmt Sopranist Bruno de Sá als Berardo, Giudittas Vertrauter. Die überirdische Schönheit seiner Stimme und die fabelhafte Gesangstechnik machen ihn zu einem der interessantesten Sänger in diesem immer populäreren Fach. Julia Lezhneva als Gildippe – am Ende der Oper heiratet sie Lottarios Sohn Adalgiso – spinnt mit ihrem Luxussopran in ihrer über 10 Minuten langen Arie “Se nell’amico nido“ endlose Legatoschleifen über eine traurige Taube, die ihren Geliebten nicht im warmen Nest findet. Bleibt die amerikanische Mezzosopranistin Nian Wang in der Rolle der Eduige zu erwähnen, die vielleicht etwas weniger profiliert, aber stilistisch ebenfalls makellos agiert.

Dem Orchester Armonia Atenea und dem Dirigenten George Petrou merkt man an, dass sie das Werk schon auf der Bühne realisiert haben. Mit Zund und Tempo gehen sie die Sinfonia an, das symbiotische Zusammenspiel mit dem ebenso aufeinander eingeübten Sängerensemble macht die Aufnahme zu etwas ganz Besonderem im schon sehr reichhaltigen Katalog erstklassiger Aufnahmen bislang unbekannter italienischer Barockopern. Ein Muss für alle, die Alte Musik lieben.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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