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CD: Nico Muhly No Resting Place The Tallis Scholars Peter Phillips, musikalische Leitung LINN, CKD790

18.03.2026 | cd

CD: Nico Muhly No Resting Place The Tallis Scholars Peter Phillips, musikalische Leitung LINN, CKD790

Nico Muhly weitet den Horizont der Polyphonie

muhl

Wer glaubt, dass die Tallis Scholars nach über fünf Jahrzehnten an der Spitze der Vokalmusik nur noch die heiligen Hallen der Renaissance verwalten, sieht sich mit ihrer neuesten Veröffentlichung eines Besseren belehrt. Das Album „No Resting Place“ markiert nicht nur den Beginn einer vielversprechenden Zusammenarbeit mit dem Label Linn, sondern krönt eine Dekade künstlerischer Symbiose zwischen dem Ensembleleiter Peter Phillips und dem Komponisten Nico Muhly. Es ist eine Begegnung zweier Welten, die sich im Kern erschreckend ähnlich sind: Muhly, der rastlose Geist der amerikanischen Postmoderne, besitzt ein untrügliches Gespür für jenen gläsernen, makellos reinen Klang, den Phillips’ Formation perfektioniert hat. Das Ergebnis sind Weltersteinspielungen, die beweisen, dass die alte Kunst des Kontrapunkts im 21. Jahrhundert keineswegs zum musealen Ornament erstarrt ist, sondern brandaktuelle Geschichten über Exil, Verlust und menschliche Würde erzählt.

Den Auftakt macht „A Glorious Creature“, eine Hymne auf die Herrlichkeit der Seele, bei der die Stimmen der Tallis Scholars in Schichten übereinander anschwellen, sich gegenseitig stützen und wieder in die Stille zurückgleiten. Muhly nutzt hier die chorische Architektur, um einen Raum zu schaffen, der sofort zur inneren Einkehr einlädt. Dieser sakrale Gestus zieht sich durch das gesamte Programm, etwa in „Recordare, Domine“ oder „Marrow“, wo der 63. Psalm in moderne, oft karge Harmonien gehüllt wird. Besonders eindringlich gerät „Rough Notes“, ein Werk, das auf den verzweifelten Tagebucheinträgen von Captain Scott während seiner Antarktis-Expedition basiert. Hier zeichnen die Sänger kühle Klangflächen, eine strenge Polyphonie aus Eis und Einsamkeit, in der die Harmonien wie Polarlichter über dem Abgrund schweben. Es ist Musik, die körperlich spürbar wird – man meint, die klirrende Kälte des ewigen Schnees zwischen den Zeilen zu hören.

Das Zentrum und zugleich das Herzstück der CD bildet das titelgebende „No Resting Place“. Muhly wagt hier ein Experiment, das leicht hätte scheitern können, aber durch seine kompositorische Meisterschaft zur Apotheose seines Schaffens wird. Er verwebt die Klagelieder Jeremias mit den sehr realen, schmerzhaften Zeugnissen der Windrush-Generation – jener Menschen, die aus der Karibik nach Großbritannien kamen und Jahrzehnte später von einem rassistischen System in die Anonymität und Rechtlosigkeit gestoßen wurden. Die Struktur folgt der Tradition der Renaissance: Jedes Kapitel beginnt mit einem hebräischen Buchstaben, doch Muhly füllt diese abstrakten Symbole mit politischem Sprengstoff. Wenn das Wort „Grey“ aus den Tagebüchern eines verzweifelten Vaters mit exakt derselben absteigenden Skala vertont wird wie der Buchstabe „Beth“, entsteht eine Brücke über die Jahrtausende hinweg. Das biblische Exil von Jerusalem findet seinen Widerhall im Schicksal derer, denen man heute den Führerschein entzieht und das Recht auf Wohnraum abspricht.

Die Tallis Scholars agieren in diesem komplexen Geflecht mit einer gewohnt mustergültigen Intonation. Jeder Einsatz sitzt, jede Dissonanz schneidet präzise in das Bewusstsein des Hörers, ohne die ästhetische Kontrolle zu verlieren. Besonders das „Migravit Judas“ im dritten Teil bricht mit der meditativen Stille; hier reiben sich die Akkorde mit grotesken Glissandi, die das systematische Verlieren der eigenen Identität klanglich fassbar machen. Peter Phillips führt sein zehnköpfiges Ensemble durch diese emotionalen Wellentäler mit einer Hingabe zum Text, die man in dieser Intensität selten erlebt. Es ist bemerkenswert, wie Muhly den Vorwurf einer kulturellen Aneignung – ein weißer US-Komponist vertont karibisches Leid für ein britisches Elite-Ensemble – allein durch die Qualität seiner Arbeit entkräftet. Die Gegenüberstellung der Texte wirkt nie forciert, sondern wie eine logische Konsequenz aus der Unmenschlichkeit, die sich durch die Menschheitsgeschichte zieht.

Zwischen diesen gewichtigen Klagegesängen wirkt „Prosperitie“, ein Geburtstagsständchen für Peter Phillips, wie ein kurzer Moment des Durchatmens, ohne jedoch den ernsthaften Ton der Einspielung zu untergraben. Die Klangqualität der Linn-Aufnahme ist vorzüglich und fängt die Intimität der Stimmen so nah ein, dass man sich als Teil des Kreises fühlt. Dieses Album ist keine leichte Kost für zwischendurch; es ist ein Werk der Besinnung, das Empathie einfordert und den Hörer mit der unbequemen Frage nach der eigenen Mitschuld an gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert. Dass dies mit solch klanglicher Schönheit geschieht, macht die Botschaft nur umso kraftvoller. Wer die Tallis Scholars bisher nur mit Byrd oder Palestrina in Verbindung brachte, wird hier eine neue, pulsierende Seite entdecken, die zeigt, dass die großen Themen der Menschheit keine Verfallszeit kennen.

Dirk Schauß, im März 2026

 

Nico Muhly

No Resting Place

The Tallis Scholars

Peter Phillips, musikalische Leitung

LINN, CKD790

 

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