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CD: Nexus Winchester – Ensemble Dialogos Ein stiller Umsturz in der Kathedrale und die Geburt der Mehrstimmigkeit. Arcana, A605

23.10.2026 | cd

Ein stiller Umsturz in der Kathedrale und die Geburt der Mehrstimmigkeit

nivc

Was geschieht, wenn Musik zum Akt der Rebellion wird? An einem Februarmorgen des Jahres 964 verändert sich in der Winchester Cathedral für immer der Klang des Gottesdienstes. Kanoniker von „ruchlosem und skandalösem Verhalten“ – die die Messe nicht feierten, unerlaubt heirateten, in Völlerei und Trunkenheit lebten und sogar versuchten, den Bischof zu vergiften – werden vertrieben. Mönche aus Abingdon nehmen ihren Platz ein. Aus diesem Konflikt gehen einige der frühesten Mehrstimmigkeiten der westlichen Musik hervor. Das Ensemble Dialogos erweckt diesen aufgeladenen Moment nicht als musikgeschichtliches Relikt, sondern als lebendiges Drama wieder.

Das Programm ist als klingendes Hörspiel konzipiert. Katarina Livljanić hat Texte aus Wulfstans Vita Sancti Aetheluuoldi musikalisch rekonstruiert und mit Stücken aus dem Winchester Troper verwoben – jener kostbaren Quelle, die an der Schwelle zum ersten Jahrtausend eine der frühesten Sammlungen notierter Polyphonie hinterlassen hat. Zwei Frauenstimmen, Fidel und Flöten schaffen unheimliche, zugleich magische Klangräume. Die Aufnahmeperspektive wechselt: Manchmal ist die Stimme ganz nah am Ohr, dann wieder weiter im Raum. Gesprochene Prosa, einstimmiger Gesang, frühe Organa und improvisatorische Einschübe greifen ineinander.

Gleich zu Beginn ruft eine unsichtbare Stimme den Bischof: „Aetheluuolde, Aetheluuolde!“ Die Ausschweifungen der Kanoniker werden angeprangert (Blasphematores Dei), die Mönche ziehen ein (Servite Domino), der Konflikt eskaliert. Eine liturgische Exkommunikation donnert gegen die „Gotteslästerer“. Dann der dramatische Kern: Der Bischof trinkt das Gift. In dem langen, hier erstmals seit dem 10. Jahrhundert aufgenommenen Tractus Deus, deus meus in Organum-Fassung erreicht die Musik ihren Höhepunkt – virtuos, raffiniert und von einer Modernität, die erstaunlich frisch klingt. Zwei Stimmen verflechten sich zu den frühesten bekannten polyphonen Meisterwerken des Abendlandes. Instrumentale Improvisationen antworten wie Glossen, Sequenzmelodien mit den merkwürdigen Namen Berta vetula oder Bucca excelsa öffnen experimentelle Klangwelten. Am Ende triumphiert Æthelwold, und die jubilierende Prosa Laude celebret schließt den Bogen.

Katarina Livljanić und Clara Coutouly singen mit großer Ausdruckskraft und textlicher Präsenz – mal a cappella, mal im Dialog mit den Instrumenten. Albrecht Maurer (Fidel und Rebec) und Norbert Rodenkirchen (Flöten) bewegen sich souverän zwischen Ritual und Imagination. Die knapp 70 Minuten vergehen im Flug. Wer befürchtet, frühe Mehrstimmigkeit könne eintönig wirken, wird eines Besseren belehrt: Ohr und Seele weiten sich. Man taucht ein in eine fremde und doch merkwürdig vertraute Welt, in der Macht, Stille und Gesang aufeinandertreffen.

Dies ist keine CD wie die anderen. Es ist eine Zeitreise, ein klingendes Drama und zugleich eine liebevolle Annäherung an eine Musik, die fast tausend Jahre im Schatten lag. Ensemble Dialogos bringt sie nicht als museales Objekt zurück, sondern als lebendige, atemlose Gegenwart. Am Ende geht man anders in die Welt zurück – heilsam und fasziniert. Sehr hörenswert.

Dirk Schauß, im Oktober 2026

Nexus Winchester – Ensemble Dialogos

Arcana, A605

 

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