CD „NEW VIVALDI“ LAUTTEN COMPAGNEY BERLIN; deutsche harmonia mundi

Bearbeitungen der ungewöhnlichen Art, gewagte Instrumentierungen, ja völlig freie Arrangements bekannter und weniger bekannter Klassikvorlagen haben Konjunktur. Nicht selten werden Originalpartituren jedoch nur niedlich verplüscht, also zum leichteren Konsum süßlich verkitscht, seltener wirkt ein originärer Funke und anspruchsvoller Variationengedanke als Ausgangspunkt einer hörenswerten zeitgenössisch-improvisatorischen Auseinandersetzung mit dem Werk eines großen Komponisten.
Auf dem neuen Album des formidablen Berliner Barockorchesters Lautten Compagney hat Antonio Vivaldi und sein geigerischer Gassenhauerzyklus „Die Vier Jahreszeiten“ Federn lassen müssen. Allerdings wurde der umtriebige Kurzzeitpriester, Geigerlehrer, Kapellmeister, Komponist von hunderten von Instrumentalkonzerten für die Waisenkinder des Ospedale della Pietà mit den feuerroten Haaren gar umsichtig gerupft und im Rundummodus mittels Saxophons und Schlagzeugs klangschick erneuert. Nicht zu vergessen, dass das spezifische Instrumentarium der Compagney u.a. mit Erzlaute, Langhalslaute, Barockgitarre und Theorbe beibehalten wurde.
Nach dem von Vivaldi selbst praktizierten barocken Pasticcio-Prinzip wurden Themen und Motive nicht nur aus den „Vier Jahreszeiten“, sondern auch aus anderen Instrumentalkonzerten (z.B.: „La Pastorella“), Bühnenwerken („Bajazet“, „Juditha Triumphans“, „La Veritá in Cimento“) und Kirchenmusik („In Furore Giustissimae Irae“) ausgewählt und etwa zu einem „Summer Slow Hot Blues“ nach dem Violinkonzert in g-moll, Op. 8 Nr. 2 „Die vier Jahreszeiten“ Der Sommer Allegro non molto umfunktioniert.
Die CD beginnt mit flötenzirpendem Vogelgezwitscher („Canto d´Gl’Uccelli“) und dem in eine countrylikeflotte Dampflokfahrt verwandelten Violinkonzert in E-Dur, Op. 8, Nr. 1 alias „Die Vier Jahreszeiten“, Frühling, Allegro. Sanfter geht es in der flöten- und geigensanften „Pastorella Larga“ – nach dem Kammerkonzert in D-Dur, RV 95, Largo – zu. Und weil auf einen langsamen Satz ein schneller zu folgen hat, ist aus demselben Konzert noch das Allegro dran. Auch hier dominiert die Flöte über tanzbeschwingtem Rhythmus und dissonantem Ausklang. Ein gitarriges ‚Larghetto‘ wird von der „Müden Sommerhitze“ frei nach dem saxophoncoolen‘ Adagio‘ aus dem „Sommer“ abgelöst.
Kostprobe gefällig? https://www.youtube.com/watch?v=jHhk2he9xus
Harmonisch Raffinierteres ist dem Violinkonzert in g-moll, Op. 12, Nr. 1, RV 317 abgeluchst. Es ist mein persönliches Lieblingsstück des Albums.
Auch wenn die Verwandlung in bluesigen und jazzigen Vivaldi fein arrangiert und ebenso musikantisch angegangen wird, ist das Album nicht frei von Längen, weil irgendwann auch trotz inventiver Einzelnummern (‚Dov’é la Figlia‘, Track 9) ein „Tonfall“ daraus wird, an den sich der Hörer gewöhnt.
Natürlich steht bei diesem Berliner Barock-Ensemble die Musikalität und Seriosität der Sache außer Zweifel, mit gefällt Vivaldi in der „Originalsprache“ dennoch besser.
Dr. Ingobert Waltenberger

