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CD NEMANJA RADULOVIC spielt PROKOFIEV; Warner

16.03.2026 | cd

CD NEMANJA RADULOVIC spielt PROKOFIEV; Warner

Von Sehnsuchtshainen und bunten Märchenwäldern

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Wüsste man nicht, dass der serbische Geiger kleidungsstilistisch japanisches Design bevorzugt, man könnte Nemanja Radulovic glatt für einen sufischen Drehwirbler oder orthodoxen Mönch halten. Allerdings steht sein virtuoses, vor allem dem sinnlichen Wohlklang und der eruptiven Spontanität seines Instruments gewidmetes Künstlertum für alles andere denn asketischen Rückzug oder rituelle Zeremonien.

Obwohl er eingesteht, mit dem Sarkasmus des russischen Berserkerkomponisten Prokofiev zwischen Spätromantik, orchestralem Stahlgewitter und Neutönertum nicht allzu viel anfangen zu können, widmet der in Belgrad, Saarbrücken und am Pariser Konservatorium ausgebildete Violinist sein neuestes mit über 80 Minuten Spielzeit übervolles Album exklusiv Werken und Arrangements von Werken Prokofievs. Und sein Ansatz „Prokofiev Querbeet mit Friends“ funktioniert ganz vorzüglich.

Das Hauptinteresse liegt natürlich beim Violinkonzert Nr. 2 in g-Moll, op. 63 mit dem Philharmonia Orchestra unter der musikalischen Leitung von Santtu-Matias Rouvali, der Sonate für zwei Violinen op. 56 (als Partner fungiert Johan Dalene) und der Sonate für Violine solo op. 115.

Das 1935 vollendete Violinkonzert Nr. 2 lässt alles Groteske links liegen und will sich gemäß den idealen einer „Neuen Einfachheit“ in melodischer Verständlichkeit üben. Nur wäre es nicht Prokofiev, wenn dieses dreisätzige komplex fantastische Stück in ihrem folkloristischen lyrischen Hangover und der technischen Brillanz im Allegro, ben marcato nicht doch Grenzbereiche ausloten würde. Dafür steht einmal die musikalische Ambivalenz, die vielleicht auf die geografisch unterschiedlichen Topoi ihrer Entstehung zurückgehen könnte. Der erste Satz entstand in Paris, der zweite mit dem berühmten Andante im russischen Woronesch. Instrumentiert hat Prokofiev das Konzert in Baku. Uraufgeführt wurde es im Finalsatz kastagnettenklimpernd in Madrid.

Radulovic und Rouvali mit dem Philharmonia Orchestra bilden ein ideales, im poetischen Verweilen ebenso wie der orchideenwuchernden Exzentrik des dritten Satzes kongeniales Duo. Welch ein Start zu einem Album, das sich auch Populärem wie der Gavotte aus der Symphonie Classique Nr. 1, arr. von Heifetz, der Mazurka aus „Cinderella“ (arr. Fichtenholz) oder dem Kampf der Montagues und Capulets aus dem Ballett „Romeo und Julia“ (arr. Grjunes), allesamt mit der Pianistin Laure Favre-Kahn kammermusikalisch effektvoll dargeboten, nicht verweigert.

Mein Lieblingsstück des Albums ist die Sonate für zwei Violinen in C-Dur, op. 56 aus dem Jahr 1932. Gemeinsam mit dem 25 Jahre jungen schwedisch-norwegischen Geiger Johan Dalene stürzt sich Radulovic mit brüderlicher Kumpelhaftigkeit und atemberaubender Vitalität auf das zwischen Pariser Courtoisie, feinem Humor und dem sportlichen Elan eines tänzerischen Pas de deux oszillierende Stück.

In der neoklassischen Solosonate op.115, im sowjetstaatlichen Auftrag als pädagogisches Stück für Studenten 1947 geschrieben, geht Radulovic in den Variationen des zweiten Satzes und der Mazurka im Allegro precipitato wie stets sanglich volltönend weit über jegliche akademische Übungslogik hinaus.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die vor kreativen Einfällen übersprudelnden fünf Mélodies op. 35bis, ursprünglich für Gesang und Klavier entworfen. Sie wurden von Prokofiev selbst als Lieder ohne Worte für Violine und Klavier eingerichtet. Jede Melodie ist einem Geiger oder einer Geigerin gewidmet: Die erste, dritte und vierte Paul Kochanski, die zweite Cecilia Hansen und die fünfte Joseph Szigeti. Während die Violine mit Doppelgriffen und Pizzicato glänzen darf, trägt das Klavier als wundersam fabulierender Partner zu diesen exotischen, mal diatonisch gefärbten, mal atmosphärisch launischen Miniaturen bei. Ein Hit!

Als wilder, gut gelaunter Kehraus erfreut der Große Walzer aus „Cinderella“ in einem buntwitzigen Arrangement von Aleksandar Sedlar. Neben Radulovic sind hier Guillaume Fontanarosa (Violine), Frédéric Dessus (Violine), Kristina Radulovic (Viola), Anne Biragnet (Cello), Nathanael Malnoury (Kontrabass), Laure Favre-Kahn (Klavier) sowie Benoît Daldin, Marija Petrovic und Gauthier Simon am Schlagzeug mit von der Partie.

Fazit: Ein klangrauschendes Prokofiev-Album, dass es sich ungeachtet der Best-of Einschübe nicht einfach macht. Radulovic hat sich ‚seinem‘ Prokofiev redlich mit Gewinn genähert, intensiv an seinen Interpretationen gefeilt und im Detail eigene Marker gesetzt. Dennoch bildet das improvisatorisch Verspielte und perkussiv Lockere ein wesentliches Qualitätsmerkmal dieser genüsslichen Zeitreise durch bekömmlichere Gefilde aus Prokofievs Schaffen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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