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CD: „NADIA“ Windsync Delos, DE3618

17.03.2026 | cd

WindSync befeuert das Erbe der Mademoiselle

windsy

Es gibt diese raren Momente in der Diskografie des 21. Jahrhunderts, in denen ein Album weit über den Status einer bloßen Repertoirepflege hinauswächst. Wenn der Klarinettist Graeme Steele Johnson nach seinen vielbeachteten „Forgotten Sounds“ erneut mit dem Bläserquintett WindSync für das Label Delos zusammenfindet, geschieht genau das: Eine musikalische Ahnenforschung, die sich nicht mit den üblichen Verdächtigen der Musikgeschichte aufhält, sondern eine direkte Linie zu jener Frau zieht, die die amerikanische Moderne im Alleingang formte. Nadia Boulanger, die „Mademoiselle“ aus der Rue Ballu, ist der Fixstern, um den dieses Programm kreist. Das Ensemble WindSync, längst eine Institution der US-Kammermusik, beweist hier, dass es nicht nur technisch auf höchstem Niveau agiert, sondern Programme wie Ausstellungen begreift. Sie spielen nicht einfach nur Noten; sie erzählen die Geschichte einer pädagogischen Naturgewalt, deren Einfluss von der Avantgarde bis zum Pop-Olymp reicht.

Der Auftakt mit Nadia Boulangers eigenen „3 Pieces“, ursprünglich für Violoncello und Klavier konzipiert, gelingt in dieser Bearbeitung bestechend unmittelbar. Die Aufnahmetechnik rückt die Instrumente nah ans Ohr. Es beginnt mit einem Prélude in f-Moll, in dem sich die Bläser nacheinander vorstellen, wobei Johnsons Klarinette mit einer Intensität einsetzt, die sofort klarmacht: Hier wird nicht geplaudert, hier wird bekannt. Während die Musiker im ersten Stück noch sanft mäandern, setzt das Horn von Anni Hochhalter eine melancholische Weise obendrauf, die den Hörer unmittelbar in die Pariser Atmosphäre des frühen 20. Jahrhunderts versetzt. Das zweite Stück wirkt wie ein kollektives Gebet, ein Innehalten, bevor die dritte Miniatur als spitze Groteske aus dem Rahmen fällt. Hier kichert und brummelt es in den Registern, eine wunderbare Demonstration der klangfarblichen Möglichkeiten, die dieses Quintett so gut beherrscht.

Den Reiz des Entdeckens bedient die Weltersteinspielung des Bläserquintetts op. 48 von Marion Bauer. Es ist unbegreiflich, dass solche Werke erst jetzt ihren Weg auf Tonträger finden. Bauer, eine der profiliertesten Boulanger-Schülerinnen, schreibt eine Musik, die wach und neugierig beginnt. Oboe und Klarinette treten in einen Dialog, der an ein vertrauliches Beratschlagen erinnert, ohne jedoch in simple Auflösungen zu münden. Das „Andante pastorale“ verströmt eine Erhabenheit, die ohne Pathos auskommt, während das finale „Allegro giocoso“ mit einer vorlauten Witzigkeit um die Ecke biegt, die dem Hörer ein Lächeln abtrotzt. WindSync spielt das mit einer Agilität, die zeigt, wie sehr sie dieses eigene, oft selbst arrangierte Repertoire verinnerlicht haben. Keiner der fünf Musiker drängt sich in den Vordergrund; die Balance zwischen Garrett Hudsons Flöte, Noah Kays Oboe, Kara LaMoures Fagott und den Kollegen ist ein Musterbeispiel an demokratischem Musizieren.

Dass die ästhetische Spannweite der Boulanger-Schule keine Grenzen kannte, illustriert der radikale Wechsel zu Philip Glass. Seine Etüde Nr. 17 in der Bläserfassung ist ein Musterbeispiel für kinetische Energie. Alles ist hier in Bewegung, eine unaufhörliche Intensität, die die Atemtechnik der Bläser an ihre Grenzen führt, ohne dass das Klangbild je instabil würde. Es ist ein flirrender Kontrast zum darauffolgenden Bläserquintett von Elliott Carter. Carter gilt oft als der Kopf unter den Komponisten, doch WindSync betont hier die spielerische, theatralische Komponente. Die Solisten scheinen sich im ersten Satz regelrecht darum zu streiten, wer das Wort führen darf. Dieses vorlaute Belauern setzt sich im zweiten Satz fort, ein Vergnügen, das durch die plastische Tontechnik von Delos wunderbar eingefangen wird.

Einen besonderen Coup hebt sich das Ensemble für das Finale auf. Dass Quincy Jones, der Architekt des modernen Sounds von Michael Jackson bis „The Color Purple“, ebenfalls im Klassenzimmer von Nadia Boulanger saß, ist die Pointe dieser Einspielung. „The Midnight Sun Will Never Set“ bildet den emotionalen Schlussakkord. Es ist eine herrlich lässige, stimmungsvolle Darbietung, die zeigt, dass die Strenge der Kontrapunkt-Lehre bei Boulanger am Ende in pure Freiheit mündete. Hier schwingt der Blues mit, die Bläser lassen die Töne schimmern wie das Licht der Mitternachtssonne. Es ist ein Moment des totalen Loslassens nach der vorangegangenen strukturellen Dichte.

Kritisch anmerken ließe sich lediglich die knappe Spieldauer von nur 45 Minuten. In einer Zeit, in der CDs oft bis zum Rand gefüllt werden, wirkt das schon asketisch. Doch die Qualität der Darbietung und die kluge Dramaturgie wiegen diesen Umstand mehr als auf. Es gibt keinen Leerlauf, keine Füllsel. Jede Minute auf dieser CD hat ihre Berechtigung und ihren Platz im Narrativ. WindSync hat mit „Nadia“ ein Porträt geschaffen, das die Frau hinter dem Mythos durch die Musik ihrer Erben lebendig werden lässt.

Dirk Schauß, im März 2026

 

 

 

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