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CD „MUSIC FOR A VIENNESE SALON“ – Ensemble NIGHT MUSIC mit Werken von HAYDN, KRAUS und DITTERSDORF; Avie Records

Ein musikalischer Salon-Nachmittag bei Baronin Fanny von Arnstein am Hohen Markt in Wien

26.08.2020 | cd

CD „MUSIC FOR A VIENNESE SALON“ – Ensemble NIGHT MUSIC mit Werken von HAYDN, KRAUS und DITTERSDORF; Avie Records

Ein musikalischer Salon-Nachmittag bei Baronin Fanny von Arnstein am Hohen Markt in Wien

Wilmington im US Bundestaat Delaware ist in Finanzkreisen kein unbekannter Ort: Die Stadt mit der prächtigen Skyline gilt als Steuerparadies und bietet sich unzähligen Handelsunternehmen und Fortune-Global-500-Unternehmen als idealer Firmensitz an. Ob US-Banken, Kreditkartenbetreiber oder Medienkonzerne, in Wilmington sind sie alle präsent.

Aber da gibt es auch die Immanuel Highlands Episcopal Church, wo die vorliegende Aufnahme entstand und die für ihren exzellenten Chor bekannt ist. Das amerikanische Instrumentalensemble „Night Music“ (mit ‚Sitz‘ in Philadelphia, ist der Hörer beruhigt) hat sich auf Kammermusik zwischen 1760 und 1825 spezialisiert. Auf dem neuen Album ist das Ensemble zu Besuch in einem Wiener Salon im Oktober 1801, genauer gesagt im Palais Arnheim. Gastgeberin Franziska (Fanny) von Arnheim hat dort ein schönes Konzert arrangiert, auch wenn sie kurz davor etliche in ihr Karten- oder Würfelspiel vertiefte Runde aufschrecken und zur Ruhe gemahnen musste. Gespielt wurden damals von Flötist Ludwig Gehring, dem Schuppanzigh-Quartett und dem Kontrabassvirtuosen Friedrich Pischelberger das Quintett in D für Flöte und Streicher von Joseph Martin Kraus, das Duett in Es für Viola und Kontrabass von Carl Ditters von Dittersdorf sowie ein Arrangement der Haydn-Symphonie Nr. 94 „mit dem Paukenschlag“ von Johann Peter Salomon für Flöte und Streicher.

Wer dieser Aufnahme mit ebenden Werken lauscht, kann sich vorstellen, welch vergnüglichen und kurzweiligen Nachmittag die Gäste im Hause Arnheim gehabt haben mussten. Die Dichterin und Romanautorin Caroline Pichler ist damals ja dabei gewesen und hat anschaulich darüber berichtet. Das Kraus Quintett empfand sie als ,sinfonisch‘.  

Die Amerikaner mit ihren Originalinstrumenten aus dem 17. und 18. Jahrhundert bzw. den historisch präzisen Nachbildungen der achttastigen Flöte und des Kontrabasses geben ein spezifisches Klangbild, das die Phantasie anregt, wie das denn damals so gewesen sein muss bei der aufmerksamen Salonnière Fanny. Das Spiel der Musiker von „Night Music“ zeichnet sich durch einen unerhörten Farbenreichtum sowie eine frische, angenehm unbekümmerte Herangehensweise aus. Besonders die Ecksätze des Quintetts von Joseph Martin Kraus lassen in ihrer konzertanten Dialektik aufhorchen, buhlen um die Aufmerksamkeit des Publikums mit ihren erhaben theatralischen Gesten und raffinierten Variationen – das alles überpudert mit galanter Grazie.

Die Stiefschwestern unter den Streich-Instrumenten, die Bratsche und der Kontrabass, üben sich in im fünfsätzigen Duett des in der Wiener Laimgrube geborenen Komponisten und Försters Dittersdorf in einer etwas unbeholfenen Umarmung. Besonders die Bratsche, gespielt von Daniel Elyar, gibt so manchen schräg intonierten Ton von sich. Der Kontrabass schrummt dazu. Der merkwürdigerweise nur bei diesem Duo stark merkbare topfige Hall lässt das Werk auch auf dem Album das Stiefkind bleiben.

 Dafür hat der Konzertagent Johann Peter Salomon mit seiner Bearbeitung der „Symphonie mit dem Paukenschlag“ von Joseph Haydn für Flöte und Streicher einen Hit gelandet. Hier passt alles, die Konzertbesucher der Baronin Fanny von Arnheim vermissten die fehlenden Instrumente kaum, wie die Chronik berichtet. Auch der ,Paukenschlag‘ im langsamen Satz verfehlte seine Wirkung nicht. Ea gibt noch einen anderen Grund,  warum das Album (bei Haydn und Kraus) so eine große Wirkung auf den Hörer ausübt. Der Flötist Steven Zohn brilliert mit vollem Ton und legt insgesamt einen virtuos glanzvollen Bubenstreich hin, macht mit waghalsigen Loopings staunen oder überrascht mit himmlischer Goldkehle im Andante und Menuett der Haydn-Symphonie Nr. 94. Da wird wohl manches Tanzbein zu jucken beginnen… Damals wie heute. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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