CD: Music by Alfred Schnittke. Yekaterinburg Philharmonic Choir Andrei Petrenko, musikalische Leitung Fuga Libra, FUG865
Schnittke bezwingt die Stille

Wenn die ersten Takte der Drei geistlichen Hymnen aus den Lautsprechern gleiten, wird schlagartig klar: Dieses Album des Philharmonischen Chors Jekaterinburg unter der Leitung von Andrei Petrenko ist keine bloße Dokumentation kirchenmusikalischer Tradition. Es ist eine Begegnung mit dem Unaussprechlichen. Alfred Schnittke, Großmeister der Polystilistik und zeitlebens Wanderer zwischen den Welten, suchte gerade in seinen späten Jahren eine radikale Klarheit jenseits des intellektuellen Spiels seiner früheren Werke. Bei Fuga Libera ist nun eine Einspielung erschienen, die den Hörer nicht einfach nur beschallt, sondern ihn förmlich in die Kathedrale der russischen Seele einsperrt – und zwar im allerbesten Sinne.
Der Chor aus dem Ural beweist hier, dass er zu den Spitzenensembles gehört, die technische Brillanz nicht als Selbstzweck verstehen, sondern als notwendiges Fundament, um Schnittkes komplexe Klangarchitektur tragfähig zu machen. Die Drei geistlichen Hymnen von 1984 bilden den asketischen Auftakt – ein liturgisches Exerzitium von strenger Schönheit, das tief in der russisch-orthodoxen Tradition wurzelt und doch jene unverkennbare innere Spannung besitzt, die nur Schnittke erzeugen konnte.
Man muss sich die Entstehungszeit vor Augen führen: In einer Phase, in der der Komponist zunehmend mit der eigenen Sterblichkeit und der Idee eines moralischen Kontinuums über den Tod hinaus rang, entstanden Werke von existenzieller Wucht, die auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Erschütterungskraft verloren haben. Das Herzstück der CD ist das monumentale Chorkonzert nach Texten des armenischen Mystikers Grigor Narekatsi (1984/85). Wer eine trockene Vertonung altertümlicher Klagegesänge erwartet, wird bereits im ersten Satz eines Besseren belehrt. Petrenko formt mit seinem Ensemble ein Klanggemälde von beeindruckender Farbigkeit und Dynamik, das plastisch greifbar wirkt.
Die Verse aus dem Buch der Klagen, das im Armenien des 10. und 11. Jahrhunderts als spirituelles Testament galt, finden in Schnittkes Partitur eine Entsprechung, die weit über konventionelle Chorliteratur hinausgeht. Es ist eine Musik des Übergangs, eine Brücke zwischen irdischer Last und erhoffter Erlösung. Der Komponist verwebt geschickt Elemente des frühen europäischen Organums mit armenischer Monodie und barocken Affekten.
Die Sänger aus Jekaterinburg agieren mit Präzision, die besonders in den Momenten dichter Polyphonie beeindruckt. Wenn sich der Chorklang bis auf sechzehn Stimmen auffächert, entsteht ein stereofoner Effekt, der die Grenzen des heimischen Wohnzimmers sprengt und den Raum in eine akustische Kathedrale verwandelt. Faszinierend ist, wie Andrei Petrenko die Balance hält zwischen meditativen, statischen Passagen und ekstatischen Ausbrüchen der Erleuchtung. Die von Schnittke bewusst eingesetzte rhythmische Monotonie – gedacht als Zustand der Buße und Versenkung – wirkt in dieser Interpretation nie ermüdend, sondern entwickelt einen unwiderstehlichen Sog.
Besonders der dritte Satz, das dramatische Zentrum des Werks, verlangt den Ausführenden alles ab. Hier fließen Reue, Sündenerkenntnis und verzweifeltes Flehen um Erlösung ineinander. Die Bässe legen ein Fundament, das so schwarz und schwer wirkt wie die Erde des Urals, während die Oberstimmen sich in schwindelerregende Höhen schrauben.
Man spürt in jedem Takt, dass dieser Chor eine besondere Beziehung zu Schnittkes Werk pflegt. Der Komponist selbst sprach oft von einer unsichtbaren Realität, die unendlich viel wichtiger sei als unsere kurze physische Existenz. Die Musiker nehmen diese Prämisse ernst: Sie singen nicht nur Noten, sie zelebrieren eine Weltanschauung. Das Chorkonzert endet schließlich im versöhnlichen D-Dur – jener Tonart, die seit Jahrhunderten mit dem göttlichen Licht assoziiert wird. Es ist ein Moment vollkommener Auflösung, in dem alle vorherigen Qualen und Dissonanzen in großer Hoffnung münden. Schnittkes Vision einer vierten Dimension, einer Transformation jenseits der irdischen Wirren, wird hier hörbar.
Humor mag in diesem hochheiligen Kontext zunächst fehl am Platz wirken. Doch wer genau hinhört, entdeckt in der schieren Übersteigerung des Pathos eine feine Ironie gegenüber der menschlichen Unzulänglichkeit. Schnittke wusste genau, dass wir alle Sünder sind, die im Chor versuchen, etwas ordentlicher zu klingen, als wir es im Alltag vermögen. Der Philharmonische Chor Jekaterinburg liefert mit dieser CD ein Plädoyer für die Ernsthaftigkeit in der Kunst – ohne belehrend zu wirken. Es ist eine Einladung, für eine gute Stunde den Lärm der Welt auszusperren und sich den Schwingungen einer Musik hinzugeben, die den Geist nicht nur beschäftigt, sondern reinigt.
Dirk Schauß, im April 2026
Sacred Music by Alfred Schnittke
Yekaterinburg Philharmonic Choir
Andrei Petrenko, musikalische Leitung
Fuga Libra, FUG865

