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CD: Mr Dowland’s Dream Clara Brunet, Gesang Bor Zuljan, Orpharion Ricercar, RIC484

12.02.2026 | cd

CD: Mr Dowland’s Dream Clara Brunet, Gesang Bor Zuljan, Orpharion Ricercar, RIC484

Mr Dowland’s Dream – Eine nächtliche Reise durch die Jahrhunderte

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In der tiefen, schlaflosen Nacht greift John Dowland zu seinem Orpharion – und genau dort beginnt die eigentliche Reise. Bor Zuljan nimmt diesen Moment zum Ausgangspunkt seiner neuen Aufnahme „Mr Dowland’s Dream“, die weit über eine weitere Hommage an den großen Renaissance-Komponisten hinausgeht. Nach seiner vielfach preisgekrönten Solo-CD „A Fancy“ kehrt Zuljan nun mit einem Programm zurück, das historische Melancholie und radikale Klangvisionen auf faszinierende Weise miteinander verwebt. Er feiert damit zugleich den 400. Todestag John Dowlands im Jahr 2026 – doch er tut es auf seine ganz eigene, traumwandlerische Art.

Im Zentrum steht das Orpharion, ein Instrument, das bereits zu Dowlands Lebzeiten als etwas Besonderes galt. Um 1580 in England entwickelt, ähnelt es äußerlich einer Laute, unterscheidet sich jedoch in entscheidenden Punkten: Der Korpus ist flacher, die Bespannung besteht aus Metall-Drahtsaiten (meist in Doppelsaiten-Chören angeordnet), und das Griffbrett ist häufig mehrfach mensuriert, also mit unterschiedlich langen Saitenlängen pro Chor. Der Klang, der dadurch entsteht, ist von einer seltenen Klarheit und Durchsichtigkeit geprägt – silbrig, gläsern, mit einem feinen, metallischen Nachhall, der länger schwebt als bei darmsaitigen Lauteninstrumenten. Es ist ein Klang, der zugleich intim und körperlos wirkt, wie aus einer anderen Sphäre kommend; manche Zeitgenossen beschrieben ihn als „ethereal“ und „resonant“. Genau diese Aura macht das Orpharion zum perfekten Gefährten für eine nächtliche, schlaflose Phantasie.

Bor Zuljan spielt auf zwei Instrumenten: einer sorgfältig nachgebauten Kopie eines prächtigen neunsaitigen Orpharions von Francis Palmer aus dem Jahr 1617 und – das ist der eigentliche Clou – einem eigens für diese Aufnahme konstruierten zehnsaitigen elektrischen Orpharion. Dieses moderne Hybrid-Instrument bewahrt die charakteristische Klangsignatur des historischen Vorbilds, erweitert sie jedoch um eine neue Dimension von Obertönen und subtiler elektrischer Verfremdung. Dadurch gelingt es Zuljan, die Musik des frühen 17. Jahrhunderts ganz natürlich in ferne, bisweilen avantgardistische Klangwelten übergleiten zu lassen, ohne dass der Übergang je gewaltsam oder aufgesetzt wirkt.

Das Programm folgt einer inneren, traumartigen Logik. Dowland findet keinen Schlaf; stattdessen erwachen in den Tiefen seines Instruments mythische Gestalten – Orpheus und Arion –, die ihn auf eine Reise durch die Nacht mitnehmen. Improvisierte Präludien und nächtliche Fantasien von Zuljan selbst rahmen die bekanntesten Lieder Dowlands ein: das schwere, klagende „Come, heavy sleep“, das düstere „In darkness let me dwell“, das unruhige „Go nightly cares“ oder die berückende „Pavana Johan Douland“. Dazwischen erklingt Robert Johnsons zart beschwörendes „Care-Charming Sleep“, dann plötzlich Peter Warlocks schlichtes, aber tief melancholisches „Sleep“ und William Waltons filigrane Bagatelle Nr. 2 – kleine Brückenstücke, die zeigen, wie lange die englische Nachtmusik nach Dowland nachhallte.

Und dann öffnen sich die Türen noch weiter: Thelonious Monks berühmtes „’Round Midnight“ erscheint in einer reduzierten, meditativ-zarten Fassung, die auf einmal mit Dowlands eigener Mitternachtsmusik zu resonieren scheint. Der mutigste Sprung folgt mit Pink Floyds „Breathe (In the Air)“ – ein Stück, das man in diesem Kontext niemals erwartet hätte und das sich doch verblüffend stimmig einfügt. Clara Brunet singt es mit einer gehauchten, körperlosen Intensität, die an die fragilste Seite von Dowlands Lautenliedern erinnert. Ihre Stimme wechselt zwischen hauchzartem Flüstern und warmer, seelenvoller Fülle; sie setzt Vibrato und dynamische Schattierungen mit größter Sensibilität und immer im Dienst der Stimmung – niemals um des Effekts willen.

Was auf dem Papier wie ein gewagter, postmodern anmutender Stilmix aussieht, fügt sich im Hören zu einer erstaunlich schlüssigen Erzählung. Die unterschiedlichen Jahrhunderte und musikalischen Sprachen stoßen nicht aufeinander – sie durchdringen sich. Die metallische Klarheit des Orpharions, die langen Nachhallschleier des elektrischen Instruments und Brunets schwebender Gesang schaffen einen gemeinsamen Resonanzraum, in dem Dowlands Melancholie, Monks nächtliche Reflexion und Pink Floyds kosmische Weite plötzlich Geschwister werden.

„Mr Dowland’s Dream“ ist keine CD für beiläufiges Hören. Sie verlangt Aufmerksamkeit, Dunkelheit, Stille – und belohnt dann mit einer Intensität, die man selten erlebt. Wer sich darauf einlässt, begibt sich selbst auf diese nächtliche Reise: vom silbrigen Anschlag des Orpharions über die tiefen Schatten von „In darkness let me dwell“ bis hin zum befreienden Atemzug von „Breathe“ und schließlich zum sanften Versinken in Dowlands „Come, heavy sleep“. Am Ende schläft nicht nur John Dowland – man selbst sinkt ebenfalls in einen anderen, sehr stillen Zustand.

Eine mutige, poetische und letztlich tief berührende Produktion, die zeigt, dass die Nacht der Renaissance immer noch neue Türen öffnen kann, wenn man sie mit den richtigen Fingern berührt.

Dirk Schauß, im Februar 2026

 

 

 

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