CD „MOZARTIANA“ – CLARISSA BEVILACQUA (Violine), MARTINA CONSONNI (Klavier) und LARISSA CIDLINSKY (Violine) mit Musik in der Nachfolge von W.A. Mozart; Berlin ClassicsDebüt-Soloalbum über Mozart ohne ein einziges Werk des Salzburger Meisters

Wo gibt’s denn sowas? Ein Album mit Mozart im Titel ohne Musik von Wolfgang Amadée. Ein Irrtum? Nein, zumindest gibt es direkte Namensbezüge, wie „To be Mozart or not to be! von Florian Willeitner oder „Moz-Art“ für zwei Violinen“ von Alfred Schnittke.Das Album startet mit der Sonate für Violine und Klavier in B-Dur, Op. 7 des 17-jährigen Mozart Sprösslings Franz Xaver. Der erst wenige Monate nach dem Tod seines Vaters von Constanze auf die Welt gebrachte Sohn Franz Xaver durchlebte bedeutende Abschnitte seines Lebens vor allem in Lemberg als Pianist, Lehrer und Organisator von Konzerten. Schüler von Salieri und Hummel, steht die hier präsentierte dreisätzige Sonate ganz in der musikalischen Sprache des jungen W. A. Mozart. Charmant und unbeschwert verspielt, gefällt besonders das Adagio ma non troppo. Gediegen leichtfüßige Unterhaltung ohne allzu großen Originalitätsanspruch.
Das Album überzeugt am Ende durch die clevere Programmatik, tolle Beiträge von vier zeitgenössischen Komponisten und die Einsicht, dass auch eine CD per se eine Kunstform darstellen kann, weil ein derartiges Programm im Konzert so nicht darstellbar wäre. „Bevilacqua möchte über die konzertante Interpretation der ausgewählten Werke hinaus gehen, mit den Möglichkeiten, die die Aufnahmetechnik ihr bietet.“
Also hören wir Musik in der Nachfolge Mozarts mit Klassikern wie Ludwig van Beethovens federleichte „12 Variationen über ‚se vuol ballare‘“ oder Paul Hindemiths wunderbare Sonate für Violine op. 31, Nr. 2, die in ihrem vierten Satz mit fünf Variationen über das Lied ‚Komm, lieber Mai‘ von Mozart für den inhaltlichen Konnex sorgt.
Das Interesse sollte sich besonders auf die vier eigens für die 23 Jahre junge Geigerin Clarissa Bevilacqua geschriebenen Stücke konzentrieren. „To be Mozart or not to be“ entstand 2020 für den Internationalen Mozart Wettbewerb. Der aus Bayern stammende Florian Willeitner, Violinist, Komponist und Arrangeur von Klassik und Jazz, Primarius des 2012 gegründeten vision string quartets, hat sein Stück auf Motive von Mozarts Klavierkonzert Nr. 3 in G-Dur, KV 216 gestützt. Ganz im Sinne von Bevilacqua hat die deutsche Neoklassikerin Sophia Jani in ihrer „Kadenz für Violine und Klavier“ über Mozarts e-Moll Sonate dem Gedanken freien Raum gelassen, wie sehr Mozart sich selbst heute weniger ernst nehmen würde.
Den sogenannten Vogel abgeschossen hat aber der Cellist und Komponist Jorge A. Bosso mit seinen technisch extrem anspruchsvollen, spannenden klanglichen Umkreisungen vom Mozarts ‚Ascoltate, die della vendetta‘ (‚Der Hölle Rache‘) aus „Die Zauberflöte“. Eine fulminante, in höchsten Noten existenzielle Fragen aufwerfende Komposition, die zwischen unglaublichen, an Bach angelehnten polyphonen Diskursen gekonnt melodische Reminiszenzen an die berühmte Arie der Königin der Nacht aus dem dramatischen Humus des zweisätzigen Stücks (Rhapsodia, Fuga) aufsteigen lässt. Das abschließende „Trazom“ von Giovanni Sollima setzt dem Album die gehörige virtuos „grobkörnige“ Note auf.
Die Musikerin Bevilacqua hatte zuerst Schwierigkeiten mit dem Zugang zur Musik W. A. Mozarts. Volles Verständnis meinerseits. So ging es mir als 15-Jährigem mit meinem ersten „Don Giovanni“. Als Studentin des Salzburger Mozarteums änderte sich das dann schlagartig, bis sie 2020 den bereits erwähnten 14. Internationalen Mozart-Wettbewerb gewann. Das vorliegende Album einer musikalischen Spurensuche mag ich sehr und gefällt mir bei jedem Hören noch ein wenig besser. Dabei dürfen natürlich nicht der runde sangliche Ton von Clarissa Bevilacqua, ihre Wahl an großartigen Kolleginnen und die kreativ eigenwillige, aber perspektivisch unerwartete Programmgestaltung abseits aller best-off Klischees außer Acht gelassen werden.
Dr. Ingobert Waltenberger

