CD MOZART SYMPHONIEN Nr. 36 „Linzer“ und Nr. 38 „Prager“ – Riccardo Minasi dirigiert das Ensemble Resonanz, harmonia mundi
Zum 240. Uraufführungsjubiläum der Linzer Symphonie am 4.11.2023

Stellen Sie sich vor: Sie sind ein 27 Jahre junger Musiker in schwierigen familiären Umständen – die engsten Verwandten werden mit der Angetrauten beim Kennenlernbesuch nicht warm, noch dazu ist zu der Zeit auch der neugeborene Sohn im Alter von nur drei Monaten verstorben – und bekommen ein Angebot für ein sinfonisches Konzert von einem wichtigen Veranstalter, das sie nicht ausschlagen können noch wollen. Am 30. Oktober kommen Sie am Konzertort an, am 4.11. soll die „Akademie“ über die Bühne gehen. Alle Plätze sind ausverkauft. Nur Sie haben kein neues Opus in der Tasche, wie das von Ihnen verlangt wird. Also müssen Sie rasch kreativ sein. Und der unerbittliche Countdown beginnt. Es bleibt nicht viel Zeit bis zum Heben des Taktstocks. Was sich wie eine Einleitung zu einem Thriller liest, stellte für Mozart offenbar keine von vornherein vernichtende Herausforderung dar.
Da sich am 4. November dieses Jahres die Uraufführung der damals von Mozart im Hause des Grafen Johann Joseph Anton von Thun-Hohenstein in kürzester Zeit geschriebenen, von den Kopisten zeitgleich handschriftlich vervielfältigten und von den Orchestermusikern irgendwie noch geprobten neuen Symphonie in C-Dur, KV425, zum 240 Mal jährt, ist die aktuell erschienene Aufnahme des Ensembles Resonanz unter der schnittigen Stabführung von Riccardo Minasi der nach dem Aufführungsort „Linz“ benannten Symphonie von besonderem Interesse.
Das Hamburger Kammerorchester aus St. Pauli, in residence der Elbphilharmonie verbunden, spielt auf modernen Instrumenten, ist aber stilistisch, u.a. von Bogenstrich, Vibrato, Artikulation und Phrasierung her der historischen Aufführungspraxis verpflichtet. Riccardo Minasi, neben seiner Tätigkeit als Dirigent selbst Geiger mit ausgiebiger Konzertmeistererfahrung, ist „Principal Guest Conductor & Partner in Crime“ des Ensembles. Wie einst für den „Originalklangpionier“ Nikolaus Harnoncourt ist auch für Minasi das Studium der originalen Quellen und das Wissen um die Rezeptionsgeschichte eines Werks von höchster Wichtigkeit.
Minasi äußert sich wie folgt dazu „Es geht um Forschung! Darum, die Herkunft und Entwicklung der Werke so gut wie möglich zu verstehen. Ich bin überzeugt, je mehr wir dieses Wissen in unsere Herangehensweise einarbeiten, desto unmittelbarer wirkt die Musik. Speziell, spezifisch, vielleicht auch schockierend, gleichzeitig idiomatisch und natürlich. Und am Ende haben wir vielleicht wirklich etwas Neues im Panorama der Interpretationen dieser Musik.“
Natürlich nützt die intensivste Forschung nichts, wenn Sie nicht von einem musikantischen Geist mit untrüglichem Gespür für Proportionen, Wirkkraft von Dynamik und Tempo etc. in lebende Wahrheit transponiert wird. Wie schon bei den 2020 erschienenen letzten Mozart Symphonien Nr. 39-41, weiß Minasi auch mit diesen beiden Symphonien Nr. 36 und 38 selbst geschaffene Maßstäbe zu setzen und die Zuhörerschaft mitzureißen. Schockierend ist bei dieser historisch informierten Herangehensweise allerdings nichts mehr, zu sehr gehört die derart gegen jeglichen romantisierenden Strich gebürstete Aufführung von Musik des 18. Jahrhunderts zum heutigen Standard.
Und dennoch fasziniert Minasi mit eigener explosiver Energie und den mit einem exhibitionistisch zur Schau gestellten Kontrastfuror erzielten Effekten auf ganz besondere Art und Weise: Die Urwucht der heroischen Anfangstakte im Adagio der „Linzer“, das in weite Fernen gerichtete Sehnen der ersten Geigen lassen außer dem festlich repräsentativen Auftritt auch Niederschmetterndes erahnen. Also doch nicht alles so strahlend und leichtfüßig, wie es die Illusion des ersten flott dahin fliegenden Themas der Violinen zu suggerieren versucht? Minasi weiß den üppig-beredten Klang und die Artikulationsfreude des Orchesters wirkungsreich zu nutzen. So stehen dem unheimlichen Andante rasant zugespitzte Tempi im Presto des vierten Satzes gegenüber, denen in ihrem kämpferischen Jubilieren ein verhalten wütendes Schicksalstrotzen anhaftet. Zuversicht durch Überwindung und das Leben beim Schopf packen. „Macht was (aus Euch) Leute, raus aus der Komfortzone“, scheint Mozart uns aufrütteln zu wollen.
Die „Prager Symphonie“ in D-Dur, KV 504, deren formale Besonderheit darin liegt, dass sie ohne Menuett auskommt, wurde eigentlich für ein Wiener Subskriptionskonzert im Winter 1786 geschrieben, nachweisbar aber zuerst zu Jahresbeginn 1787 im Prager Nationaltheater aufgeführt. Minasi betont den opernhaft dramatischen Duktus des dreisätzigen Werks mit ihrer abgründigen Dämonie, die sich erst im Presto in einem scheints übermütigen Wettlauf selbst zu überdribbeln versucht. Die geschärften Orchesterfarben spiegeln das seltsame Chiaroscuro der Stimmungen, Neonlicht und fahle Schatten. Wie hier das Ensemble Resonanz mit schroffen Akzenten, ruppiger Virtuosität, in Seinsambivalenz getauchter Klangpracht dem Dirigenten zuspielt, ist schlichtweg sensationell.
Wie immer man zu der aufrüttelnden Lesart der beiden meisterlichen Symphonien durch Minasi und dem Ensemble Resonanz stehen mag, gleichgültig wird sie niemanden lassen. Mediterran, feurig und norddeutsch präzise, elastisch federnd und rhythmisch hämmernd wie Technomusik. Unerbittlich heutig und tiefgründig, gegen jegliche Bequemlichkeit. Seelenmassage mit Nadeln. Mozart hat uns was zu sagen!
Dr. Ingobert Waltenberger

