Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD „MOZART MOMENTUM 1786“ – LEIF OVE ANDSNES und das MAHLER CHAMBER ORCHESTRA interpretieren Werke Mozarts

20.04.2022 | cd

CD „MOZART MOMENTUM 1786“ – LEIF OVE ANDSNES und das MAHLER CHAMBER ORCHESTRA interpretieren Werke Mozarts für Klavier (+Sopran, Trio, Quartett und Orchester) aus 1786; Sony

81kardd0gml. sl1500

Im Mai 2021 veröffentlichte Sony den ersten Teil des Projekts „Mozart Momentum“, das Mozarts schöpferischen Elan in den Jahren 1785 und 1786 auf den Zahn fühlen will. Es geht Leif Ove Andsnes um die unglaubliche Eigendynamik von Mozarts Kreativität in genau dieser Zeit und darum, wie er die Form des Klavierkonzertes revolutionierte.

Standen in MM1785 die Klavierkonzerte Nr. 20 bis 22, die Maurerische Trauermusik KV 477, die Fantasie in c-moll KV 475 und das Klavierquartett g-moll KV 478 auf dem Programm (ich habe darüber im Juni 201 im „Feuilletonscout“ unter dem Titel „Auf dem Olymp: Leif Ove Andsnes spielt Mozart “MM 1785” berichtet), so interpretieren der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes und das Mahler Chamber Orchestra nun wiederum auf 2 CDs die Klavierkonzerte Nr. 23 in A-Dur, KV 488 und das Klavierkonzert Nr. 24 in c-Moll, KV 491. Weiters hat Andsnes Matthew Truscott (Violine), Joel Hunter (Viola) und Frank-Michael Guthmann eingeladen, gemeinsam mit ihm das Klavierquartett in Es-Dur, KV 493 und das Klaviertrio in B-Dur, KV 502, zu erarbeiten. Als i-Tüpfelchen der Edition legt Christiane Karg eine bewegende Interpretation der Konzertarie samt Rezitativ „Ch’io mi scordi di te? – Non temer, amato bene“ vor.

In den ersten Monaten des Jahres 1786 schrieb Mozart an seiner vielleicht meisterlichsten Oper „Le nozze di Figaro“. Eine glühende Vitalität, hasenhakenschlagende Umschwünge, sexuelles Triebrauschen und Absterben des Begehrens in den Gewohnheitsmühlen der Ehe, Empfindsamkeit, beißender Zynismus, aber auch politischer Realismus sind auf einmal Ingredienzien einer Komödie, die vielleicht gar nicht so lustig ist, wie dies andere Vorläufer den Schein hatten zu sein. Die menschliche Natur samt ihren Schwächen und Wunderlichkeiten  taucht Mozart in das rationale Morgenlicht der Aufklärung, teils wirken die Figuren kalt und grell beleuchtet, teils in das goldene Abendlicht einer allumfassenden Versöhnung, ja Absolution getaucht.  

Dementsprechend werden den Figuren der Oper „eigene musikalische Identitäten und Instrumente zugewiesen, die sich auf faszinierende Weise miteinander verweben. Das ist Opernmusik, die ständig illustriert und provoziert, kommentiert und kommuniziert.“ (Andrew Mellor). Genau dies hatte beim vorliegenden Aufnahmeprojekt oberste Priorität. Lassen wir Pianisten Leif Ove Andsnes hierzu selbst zu Wort kommen: „Das sind Konzerte, in denen es vorrangig um Dialog geht. Ich sitze mitten im Orchester, der Flügeldeckel ist abgenommen, sodass ich die Orchestermusiker sehen kann und sie mich. Angesichts all der fast manischen Veränderungen in der Musik ist das auch nötig – in diesen Konzerten kann Mozart im Bruchteil einer Sekunde von purem Überschwang zu völliger Verlassenheit wechseln.“

Fest steht, dass Mozart wie im Figaro zwar mit einer ungeheuren Leichtigkeit zu Werke geht, der Hörer aber jenseits aller oberflächlichen Unterhaltung immer wieder Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ im Hintergrund mitschwingen fühlt. Besonders wenn es um das Klavierkonzert in c-Moll KV 491 mit einer anonymen Kadenz geht. Nur drei Wochen nach dem notenreich dahinschwebenden, federhüpfenden Konzert Nr. 23 entstanden, schlägt Mozart mit einer „ruhelosen, dunklen Energie“ weit persönlichere Töne an.

In der Arie „Ch’io mi scordi di te? Non temer, amato bene“, geschrieben für die begehrte Nancy Storace, die Sängerin der Susanna, treten Klavier und Stimme in ein zärtliches, des Schicksals Stachel sublimierendes Gespräch. Mit diesem „Arien-Klavierkonzert“ hat Mozart der nach London abreisenden Diva ein musikalisch einzigartiges Farewell mit Auf den Weg gegeben und uns heutige Hörer ganz intim daran teilnehmen lassen, wie der verliebte Komponist seine Botschaft und innerstes Wesen gar nicht so versteckt und verklausuliert offenbart hat.

Leif Ove Andsnes und seine musikalischen Gefährten scheinen bei aller Souveränität und Esprit in der Klangwerdung von Mozarts Musik immer auch den Blick auf die Hinterbühne, sozusagen in den seelischen Werkraum des Komponisten gerichtet zu halten. Da größte Schönheit und verborgenste Tiefe des Daseins nicht selten auf eine Frage des Geheimnisses, des Unaussprechlichen zuläuft, zwischen Oberflächenglanz und Erinnyen changiert, lassen wir es bei unserer Betrachtung bewenden.

Fazit: Künstlerisch höchst hörenswerte Aufnahmen, die in ihrem entstehungszeitlichen Kontext eine musikgeschichtliche Dimension aufweisen, die in ihrer Spekulation interessieren kann, aber nicht muss.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken