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CD: Mozart Complete Works with Clarinet Vol. 2 Nicolas Baldeyrou Alpha Classics, Alpha1243

29.04.2026 | cd

Nicolas Baldeyrou poliert den Mozart-Spiegel

moz

Dieser erzählfreudige Solist verfügt glücklicherweise über ein unerschütterliches Selbstbewusstsein oder handfeste Argumente aus der Werkstatt des Instrumentenbauers. Nach dem ersten Streich seiner Gesamteinspielung der Mozartschen Klarinettenwerke, der bereits mit der klanglichen Pracht der Gran Partita verwöhnte, legt er nun den zweiten Band vor. Er führt weg von der rein geselligen Serenadenmusik hin zum großen Rampenlicht der konzertanten Form. Es ist eine Reise von der Pariser Glitzerwelt des jungen Aufsteigers bis zum herbstlichen Wien eines Genies, das den Atem der Ewigkeit spürt. Das Ergebnis ist eine Aufnahme, die den Staub von den Partituren fegt, ohne die Ehrfurcht vor der Substanz zu verlieren.

Der Auftakt: Die Sinfonia Concertante in Es-Dur, ein Werk, das Musikwissenschaftler über Jahrzehnte hinweg in den Wahnsinn trieb. Man stelle sich das Szenario vor: 1778 schreibt Mozart in Paris ein Stück für vier Bläsersolisten, das Manuskript verschwindet spurlos, und erst knapp achtzig Jahre später taucht eine Fassung auf, in der plötzlich eine Klarinette mitmischt. Dass es sich hier um einen waschechten Mozart handelt, bezweifelt heute kaum noch jemand, der Ohren im Kopf hat. Zu offensichtlich blitzt der Schalk aus den Läufen, zu opernhaft singen die Motive. Doch der Clou dieser Einspielung liegt im Werkzeug. Baldeyrou und seine Mitstreiter Gabriel Pidoux, David Guerrier sowie David Douçot greifen zu originalgetreuen Nachbauten der Pariser Instrumente jener Epoche.

Das ist weit mehr als museale Pedanterie. Wer moderne Orchesterinstrumente gewohnt ist, erlebt einen heilsamen Kulturschock. Wo die heutige Technik nach Perfektion und einem glatten, einheitlichen Klangteppich strebt, zelebrieren die historischen Kopien das Individuelle. Jede Pfeife, jede Klappe hat ihren eigenen Kopf. Die Oboe quäkt charmant, das Horn schmettert mit einer körnigen Textur, und das Fagott knurrt mit einer Charakterstärke, die man in modernen Konzertsälen oft vermisst. Die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens stützt dieses solistische Quartett mit der Agilität, die den galanten französischen Stil genaut trifft. Es ist kein glattpoliertes Musizieren, sondern ein lebhafter Diskurs, ein theatralisches Hin und Her, bei dem man förmlich sieht, wie sich die vier Solisten auf der Bühne die Bälle zuwerfen. Der rhetorische Witz, den Mozart so meisterhaft beherrschte, kommt in einer Klarheit zum Vorschein, die keine Fragen offenlässt.

Nach diesem Pariser Vergnügen folgt der radikale Umschwung zum Schwanengesang. Das Klarinettenkonzert in A-Dur, entstanden im Todesjahr 1791, ist der Mount Everest für jeden Holzbläser. Baldeyrou entscheidet sich konsequenterweise für die Bassettklarinette, jenes kurzlebige Wunderding, das Anton Stadler und der Instrumentenbauer Lotz austüftelten. Durch das verlängerte Rohr gewinnt das Instrument nach unten hin an Raum, was der Musik eine ganz eigene Erdschwere verleiht. Es ist diese zusätzliche große Terz, die den Unterschied zwischen einer netten Melodie und einer existenziellen Offenbarung ausmacht.

Baldeyrou nutzt diese klanglichen Möglichkeiten mit hinreißender Subtilität. Im ersten Satz begegnet zeigt er sich mit einer Heiterkeit, die jedoch immer von einem melancholischen Schatten begleitet wird. Es ist kein lauter Virtuosenzirkus, den er veranstaltet. Vielmehr scheint er die Noten zu modellieren, sie behutsam aus der Stille zu heben. Die historische Bassettklarinette hilft dabei, jene Nuancen herauszuarbeiten, die auf einem modernen Instrument oft in einer allgemeinen Klangwolke untergehen. Das mittlere Register wirkt weich wie Samt, während die hohen Töne strahlen, ohne jemals ins Schrille oder Aggressive zu kippen. Besonders im berühmten Adagio zeigt sich die Meisterschaft des Solisten. Hier wird die Klarinette tatsächlich zur menschlichen Stimme. Baldeyrou singt auf seinem Instrument, er atmet mit der Musik und lässt den Zuhörer an einer Intimität teilhaben, die schmerzhaft schön ist.

Man spürt in jedem Takt, dass es sich nicht um eine bloße Pflichtübung im Rahmen einer Gesamtschau handelt. Die Suche nach dem Originalklang ist kein Selbstzweck, sondern das Mittel, um die emotionale Aufrichtigkeit Mozarts freizulegen. Die Kölner Akademie erweist sich als idealer Partner. Das Orchester agiert schlank, transparent und mit rhythmischer Präzision, die den Solisten trägt, ohne ihn einzuengen. Das Zusammenspiel wirkt organisch, als würden alle Beteiligten im selben Moment denselben Gedanken fassen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Mozart auf historischen Instrumenten nicht nur „richtiger“ klingt, sondern vor allem menschlicher. Die kleinen Unwägbarkeiten der alten Mechaniken, die Notwendigkeit, jeden Ton mit Bedacht zu formen, all das verleiht der Musik eine Dringlichkeit, die unter die Haut geht. Nicolas Baldeyrou ist mit dieser zweiten Folge ein großer Wurf gelungen. Er beweist, dass man ein vermeintlich zu Tode gespieltes Repertoirestück wie das A-Dur-Konzert völlig neu erleben kann, wenn man bereit ist, sich auf die klangliche Wahrheit der Entstehungszeit einzulassen. Wer wissen will, wie Mozart vermutlich wirklich klang, kommt an dieser CD nicht vorbei.

Dirk Schauß, im April 2026

Mozart

Complete Works with Clarinet Vol. 2

Nicolas Baldeyrou

Alpha Classics, Alpha1243

 

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