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CD: Mosaïc Unfolding Tiles Fuga Libera, FUG862

03.04.2026 | cd

CD: Mosaïc Unfolding Tiles Fuga Libera, FUG862

Mosaïc kachelt den Mittelmeerraum neu

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Wer das Mittelmeer für eine bloße Badewanne urlaubsreifer Mitteleuropäer oder eine unüberwindbare Grenze hält, hat die Rechnung ohne das Ensemble Mosaïc gemacht. Auf ihrem Debütalbum „Unfolding Tiles“ (Fuga Libera) beweisen sechs Musiker aus Bulgarien, Frankreich, Portugal und Tunesien, dass dieses Meer vor allem eines ist: ein riesiger Resonanzkörper.

Um die Cellistin Adèle Viret versammelt, verzichtet das Sextett auf fertige Partituren und setzt stattdessen auf Tradition und Improvisation. Das Ergebnis ist keine beliebige „Weltmusik“-Collage, sondern eine lebendige, präzise gezeichnete klangliche Landkarte – so plastisch, dass man beim Hören das Salz auf der Haut spüren könnte.

Den Auftakt macht „Pirates from the Black Sea“. Schwere Akkorde schichten sich übereinander wie die Planken eines alten Kahns, der träge, aber entschlossen durch dunkle Wellen pflügt. Man hört das Holz knarren, spürt den Widerstand des Wassers. Kein polierter Jazz, sondern ehrliche Arbeit am Material. Die Besetzung – Cello, Kontrabass, Schlagzeug, Perkussion, Akkordeon und die bulgarische Kaval-Flöte – erzeugt eine raue, angenehme Reibung. Georgi Dobrevs balkanische Ornamentik rankt sich wie feiner Efeu um die rhythmischen Gerüste, ohne sie zu ersticken. Ein Dialog auf Augenhöhe.

Besonders charmant gelingt die „Malta Suite“. Zupfende Arpeggien laden zum Tanz ein, so nah und plastisch, dass man die Finger auf den Saiten zu sehen meint. Jeder bringt sein Gastgeschenk mit – eine Melodie, einen Rhythmus. Das Finale der Suite schlägt plötzlich nachdenkliche Töne an und unterwandert geschickt die Erwartung. Wenn später in „Zadels“ jazzige Strukturen durchscheinen, wirkt das nie aufgesetzt, sondern wie die logische Fortsetzung einer Reise, die von Valetta über Lissabon und Marseille bis nach Paris führt.

Ein absoluter Höhepunkt ist „Drummer Queen“. Die Trommeln von Diogo Alexandre und die Darbouka (und Congas) von Hamdi Jammoussi weiten den Raum ins Unendliche. Jammoussi verbindet die komplexe nordafrikanische Rhythmik mit der Wucht eines Rock-Grooves – das schwitzt, atmet und lebt. In der vierteiligen Suite „Four Moons“ eskaliert die Intensität dann vollends: Schwere Akkorde treffen auf kecke Flötentöne, aus einem besinnlichen Zwiegespräch wird ein furioses Dorffest. Man sieht förmlich den aufgewirbelten Staub und die tanzende Menge.

Dass das Projekt im Rahmen des Festival d’Aix-en-Provence und des Orchestre des Jeunes de la Méditerranée entstand, merkt man der handwerklichen Qualität an – glücklicherweise nicht der Spielfreude. Die Musik wurde mündlich entwickelt, mit allen Uneinigkeiten und Reibungen, die dazugehören. Adèle Viret betont zu Recht: Gerade diese Konflikte schärfen das Ergebnis. Noé Clercs Akkordeon liefert melancholische Flüge, Zé Almeidas Kontrabass das solide Fundament, auf dem das bunte Mosaik überhaupt erst hält.

„Unfolding Tiles“ ist eine frische, leidenschaftliche Absage an musikalische Monokultur. Es zeigt, dass echte Harmonie nicht durch Anpassung entsteht, sondern durch das gekonnte Zusammenspiel von Gegensätzen. Wer hören möchte, wie das Mittelmeer heute wirklich klingt – jenseits von Klischees und Postkarten – kommt an Mosaïc nicht vorbei. Eine moderne Odyssee.

Dirk Schauß, im März 2026

Mosaïc

Unfolding Tiles

Fuga Libera, FUG862

 

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