CD: Morten Lauridsen Lux Aeterna Jake Runestad Earth Symphony Chor des Bayerischen Rundfunks Münchner Rundfunkorchester Joseph R. Olefirowicz BR-Klassik, 900355
Zwischen Licht und Erde – Ein eindrucksvolles Doppelporträt amerikanischer Chormusik

Wenn der Chor des Bayerischen Rundfunks und das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Joseph R. Olefirowicz aufeinandertreffen, ist klangliche Sorgfalt ebenso garantiert wie vokales Können. Die nun bei BR-Klassik erschienene Live-Aufnahme ist eine schöne Bereicherung. Zwei Chorwerke amerikanischer Komponisten, Morten Lauridsens „Lux aeterna“ und Jake Runestads „Earth Symphony“, treten in einen Dialog über Trost, Vergänglichkeit und Verantwortung.
Lauridsens „Lux aeterna“, 1997 komponiert, ist längst ein Meilenstein der neueren Chorliteratur. Der Komponist, 1943 in Portland, Oregon, geboren, verknüpft liturgische Texte – darunter das Introitus aus der Totenmesse, Psalm 23 oder das Agnus Dei – zu einem meditativ wirkenden Zyklus. Seine Tonsprache ist harmonisch weitgehend tonal, von Renaissancepolyphonie ebenso inspiriert wie von spätromantischer Farbigkeit, dabei stets transparent und schlicht in ihrer Emotionalität. In dieser Aufnahme überzeugt vor allem die gestalterische Ruhe: Olefirowicz nimmt sich Zeit, lässt die Musik atmen, gibt ihr Raum. Der Chor des Bayerischen Rundfunks singt mit stimmlicher Balance, die zwischen struktureller Klarheit und seelenvoller Wärme vermittelt. Besonders in „O nata lux“ – einem der bekanntesten Sätze des Zyklus – gelingt es den Sängerinnen und Sängern, den Moment zwischen Stille und Klang eindrucksvoll zu gestalten. Das Münchner Rundfunkorchester, in kammermusikalischer Besetzung, stützt den Vokalsatz mit geschmeidiger Klanggrundierung, ohne je in den Vordergrund zu treten. Jeder Akkord, jeder Bogen trägt zum übergeordneten Ziel bei: der Suche nach innerem Licht.
Ganz anderen Ausdruck findet Jake Runestad (*1986) mit seiner „Earth Symphony“, die die zweite Hälfte des Konzerts füllt. Runestad ist bekannt für seine direkte musikalische Sprache und seine thematische Klarheit. Die etwa halbstündige Symphonie für Chor, Solisten und Orchester bringt die Stimme der Erde selbst zu Gehör – auf Texte von Todd Boss, die die Natur personifizieren und ihr eine fast prophetische Stimme verleihen. Es geht um Zerstörung und Hoffnung, um Wut und Vergebung. Runestads Musik ist weniger kontemplativ als die Lauridsens, sie ist dramatisch, rhythmisch fordernd und emotional unmittelbar. Chor und Orchester geraten hier in einen dialogischen Strudel: Schrei, Flehen, Bitten – all das ist musikalisch greifbar. In manchen Passagen drängt das Orchester mit eruptiver Wucht nach vorn, in anderen Momenten sinkt es fast in die Stille zurück, als würde die Natur selbst Atem holen. Besondere Beachtung verdient der kluge Umgang mit Klangfarben: Streicherflächen wechseln mit Blechsignalen, vokale Cluster mit zarten Soli, die sich fast nahtlos aus dem Tutti erheben.
Die stimmliche Leistung des Chores bleibt auch hier außergewöhnlich. Die Textverständlichkeit ist hoch, selbst in dichten Passagen, die Artikulation präzise. Olefirowicz gelingt es, den Spannungsbogen über das gesamte Werk hinweg zu halten, ohne in plakative Gesten zu verfallen. Er vertraut auf die Wirkung der Musik – und die Wirkung ist gewaltig.
Abgerundet wird das Ganze durch eine aufnahmetechnisch gelungene Produktion. Das Klangbild bleibt transparent, die Dynamik differenziert und lebendig.
Diese CD ist weit mehr als eine Dokumentation eines gelungenen Konzertabends. Sie ist ein ästhetisch wie emotional berührendes Plädoyer für eine Musik, die Spiritualität nicht als Rückzug, sondern als Haltung begreift. „Lux aeterna“ und „Earth Symphony“ könnten gegensätzlicher kaum sein – und gerade deshalb ergänzen sie sich zu einem Hörerlebnis von seltener Geschlossenheit.
Zwei Stimmen aus Amerika, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch ein gemeinsames Ziel haben: das Berühren.
Dirk Schauß, im Mai 2025
Morten Lauridsen
Lux Aeterna
Jake Runestad
Earth Symphony
Chor des Bayerischen Rundfunks
Münchner Rundfunkorchester
Joseph R. Olefirowicz
BR-Klassik, 900355

