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CD „MOMENTO IMMOBILE“ – VENERA GIMADIEVA singt Arien von Bellini, Donizetti und Rossini – RUBICON

16.10.2018 | cd

CD „MOMENTO IMMOBILE“ – VENERA GIMADIEVA singt Arien von Bellini, Donizetti und Rossini – RUBICON


In Claire Seymours Aufsatz „Die weibliche Seele des Belcanto“ wird ein schönes Bellini Zitat angeführt: „Die Oper muss zu Tränen rühren, Menschen Angst machen, sie durch Gesang sterben lassen…ein gutes dramma per musica ist eines, das keine Vernunft kennt.“ Und weiter (abgekürzt) : „Die Stimme des Belcanto bietet ein überragendes Erlebnis für die Sinne, indem sie die Wahrheit unter dem Deckmantel des Wahns vermittelt. Bewirkt die Stimmgewalt, dass wir diese Frauen idealisieren oder dass wir ihre Opferung herbeisehnen und einfordern? Erkennen wir am Anfang des 21. Jahrhunderts diese Stimme als unsere eigenen? Vielleicht handelt es sich dabei um den ,Schrei des Engels‘, die undeutliche Äußerung einer Seele, die sowohl auf dem Gipfel ihrer Macht als auch kurz vor dem Tod steht: ein wahrer momento immobile.“


Diese eindringlichen Worte bestimmen das Programm der ersten Solo-CD der russischen Sopranistin Venera Gimadieva, geben aber auch eine Vorlage in Sachen Intensität vor. Gemeinsam mit dem Hallé Orchester unter der Leitung des italienischen Dirigenten Gianluca Marcianò singt die aufstrebende Künstlerin Arien aus I Capuleti e i Monetecchi, Linda di Chamounix, L’elisir d’amore, Tancredi, Lucia di Lammermoor, La sonnambula, Don Pasquale, Otello und Guillaume Tell.


Venera Gimadieva
besitzt einen leichtgängigen, lyrischen Koloratursopran mit einer prächtig gefärbten Mittellage. Bisweilen sind Callas-Anleihen in der Interpretation unüberhörbar. Die extremen Höhen neigen zur Schärfe und dürften à la longue Gimadievas ureigenes Wohlfühlterrain nicht sein. Das neue Album darf als eine Bestandsaufnahme der Entwicklung dieser Sängerin gelten. Da ist viel zu bestaunen an Musikalität, Phrasierung, Ausdruck im Sinne der eingangs zitierten Klammer ‚Moderne Frau – historische Sanges-Heroine.‘ Besonders gefallen die ,mädchenhaften‘ Nummern, wie die Arie aus Sonnambula ,Ah non credea…Ah! non giunge‘. Leider wird das sängerische Niveau vom Tenor Alberto Sousa nicht gehalten. Da schneidet die Mezzosopranistin Natalia Brzezinska besser ab. Beide wirken unter anderem in einer Szene aus Rossinis „Guilllaume Tell“ mit.


Die instrumentale Begleitung ist sauber einstudiert und brav, mehr aber auch nicht. Den Aufnahmen mangelt es insgesamt an Atmosphäre und Theaterblut. Dadurch überträgt sich die Magie des Belcanto nur bedingt. Auf Gänsehaut wird man vergeblich warten. Faszinierender als die CD, wo sich bisweilen auch Intonationstrübungen in der Höhe bemerkbar machen, sind die diversen Youtube-Veröffentlichungen des neuen Opernsterns von Live-Mitschnitten aus München, Wien bis Glyndebourne. Da kommen die Qualitäten dieser so vielversprechenden Sängerin, von der wir sicher noch viel hören werden, wesentlich besser zur Geltung.


Dr. Ingobert Waltenberger

 

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