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CD: Missa Brevis Mozart – Haydn – Fiorini Etesiane Orchestra Gabriel Hollander, musikalische Leitung Cypres, CYP1688

09.09.2026 | cd

CD: Missa Brevis Mozart – Haydn – Fiorini Etesiane Orchestra Gabriel Hollander, musikalische Leitung Cypres, CYP1688

Gabriel Hollander dirigiert drei kurze Messen für das Label Cypres

missa

Manche Tonträger wirken schon vor dem ersten Abspielen wie eine kleine Mutprobe. Ein belgisches Label stellt zwei Klassiker der sakralen Kurzform neben die Uraufführung eines Zeitgenossen, nennt das Ganze schlicht Missa Brevis und erwartet offenbar, dass der Hörer klaglos von der Rokoko-Kapelle in ein modernes Nebelgebiet umsteigt. Das Experiment gelingt verblüffend gut. Vor allem deshalb, weil hier niemand mit dem Weihrauchfass wedelt oder so tut, als besitze er das alleinige Patentrezept zur Rettung des Abendlandes.

Mozarts d-Moll-Messe KV 65 entsteht im Januar 1769 in Salzburg. Der Bursche ist dreizehn. Wer bei d-Moll gleich an düster dräuendes Schicksal denkt, wird rasch eines Besseren belehrt. Mozart liefert eine haarscharf kalkulierte, ökonomisch durchgearbeitete Partitur ab, die keine Sekunde zu lange verweilt. Das Etesiane Orchestra verzichtet konsequent auf jedes süßliche Streicherfett. Man spielt trocken, schlank und ohne das nervige Dauer-Vibrato, mit dem Romantiker so gerne die Klassik verklären. Die Besonderheit dieser Aufnahme liegt in der Besetzung des Chorparts: Hollander lässt die Chorsätze schlicht von den fünf Vokalsolisten bestreiten. Das nimmt dem Werk jegliche feierliche Schwerfälligkeit. Der Ton wird schlagartig intim. Man sitzt nicht in einer zugigen Kathedrale auf einer kalten Holzbank, sondern steht mit den Musikanten im selben Raum. Clara Inglese führt die Sopranlinie mit erfrischender Klarheit, ohne künstliches Drama. Im Benedictus rücken die Stimmen so eng zusammen, dass man das Atmen der Sänger hört. Das klingt direkt, manchmal mit einer leichten rauen Kante – und genau das tut dieser Partitur gut. Kein pompöser Prunk, keine falsche Ehrfurcht.

Gleich im Anschluss folgt Joseph Haydn mit seiner Missa brevis Sancti Joannis de Deo in B-Dur, besser bekannt als kleine Orgelmesse. Wo Mozart kurz strammsteht, lässt Haydn die Fenster weit auf. Licht strömt ein. Der Mann konnte selbst in seinen gebrochensten Momenten nicht verhindern, dass seine Musik eine uneingeschränkte Lebensfreude verströmt. Hollander wählt zügige, ja schon freche Tempi. Das Kyrie kommt nicht als demütiges Betteln daher, sondern wie ein höflicher, aber recht bestimmter Gruß an den Schöpfer. Der Höhepunkt dieses Satzzyklus gehört fraglos dem Benedictus. Die Solovioline hebt an, spinnt eine zarte, absolut absichtslose Melodie in den Raum, und man begreift wieder einmal, warum Haydn der eigentliche Großmeister der feinen Nuance bleibt. Keine Effekthascherei. Nichts wird ausgestellt. Man schmunzelt unwillkürlich. Wer hier ernst bleibt, hat möglicherweise den Zugang zu dieser Musik noch nicht ganz gefunden.

Nach dieser lichtdurchfluteten B-Dur-Idylle wirft uns das Label Cypres ohne lange Atempause in die Gegenwart. Fabian Fiorini, geboren 1973, hat für dieses Aufnahmeprojekt eine eigene Missa brevis komponiert. Der Übergang gerät zum stilistischen Kaltbad. Das Kyrie beginnt grollend, grummelnd, unentschlossen in den tiefen Registern. Die Streicher tasten sich wie Blinde durch einen dunklen Raum: Sie suchen Töne, verwerfen sie wieder, schleichen umher. Erst als der Chor eingreift, bekommt das musikalische Geschehen eine Orientierung. Fiorini dreht die klassischen Rollenverhältnisse im Orchestergraben einfach um. Die instrumentale Begleitung irrt durch dichte Nebelbänke und verharrt in schwebenden Klängen, während die Singstimmen mit erstaunlicher Entschiedenheit die Richtung vorgeben. Das Credo wankt kurz, findet dann aber zu einer ganz eigenen, seltsam wiegenden Motorik. Das ist keine Musik für die Sonntagsmesse im ländlichen Pfarrheim. Fiorini verweigert sich billigen Effekten, sucht nicht nach der schnellen Wohlfühlharmonie – und schreibt glücklicherweise auch keine spröde Kopfmusik für verschrobene Fachtagungen. Sein Agnus Dei überrascht schließlich mit einem fast schon wippenden, tänzerischen Rhythmus, der den Hörer reichlich verblüfft aus der Anlage entlässt. Ein zeitgenössischer Beitrag, der dem Hörer etwas zumutet, ohne ihn mit theoretischem Ballast zu erdrücken.

Gabriel Hollander hält das gesamte Gefüge mit fester, aber unaufdringlicher Hand zusammen. Er verzichtet auf spektakuläre Gesten, baut nicht auf künstliche Kontraste, sondern vertraut auf die innere Logik dieser ungewöhnlichen Werkauswahl. Man spürt in jeder Minute dieser Einspielung eine tiefe, uneigennützige Lust am gemeinsamen Musizieren. Es ist eine geschlossene Mannschaftsleistung, die vollkommen ohne Allüren auskommt.

Natürlich ist diese Zusammenstellung gewagt. Die radikale Gegenüberstellung von Salzburger Frühklassik, Esterházy-Heiterkeit und der suchenden Klangsprache des 21. Jahrhunderts wird nicht jedem Traditionsbewahrer schmecken. Wer eine homogene, beruhigende Hintergrundmusik für das sonntägliche Frühstück sucht, greift besser zu den gewohnten Gesamtaufnahmen. Wer aber bereit ist, zwei alten Meistern und einem lebenden Komponisten auf aufgetrennten Pfaden zu folgen, wird auf dieser CD fündig. Cypres liefert mit dieser Produktion ein Plädoyer für den Mut zum Risiko ab.

Dirk Schauß, im September 2026

Missa Brevis
Mozart – Haydn – Fiorini
Etesiane Orchestra
Gabriel Hollander, musikalische Leitung
Cypres, CYP1688

 

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