Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD: MILY BALAKIREV – Niederrheinische Sinfoniker Mihkel Kütson, Leitung, Dinara Klinton, Klavier

01.12.2022 | cd

mili

Mily Balakirev (1837 – 1910)

Ouvertüre König Lear
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1
Ouvertüre drei russische Volkslieder
Sinfonie Nr. 2 d-moll

Dinara Klinton, Klavier

Niederrheinische Sinfoniker
Mihkel Kütson, Leitung

Label: Musikproduktion Dabr (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm)
MDG 952 2236-6

Traurig…, aus den Konzertsälen ist die Musik von Mily Balakirev heute verschwunden. Von daher ist jede Neueinspielung dieses wichtigen Komponisten zu begrüßen! Balakirev hat eine ganz eigene Tonsprache. Er erfreut sich an intensiver Kantabilität und viel nationaler Färbung. Die Themen sind prägnant formuliert und die Musik spricht intensiv zum Zuhörer. Ein kurzweiliges, spannendes Vergnügen!

Das Label Musikproduktion Dabr präsentiert auf seiner SACD die Niederrheinischen Symphoniker unter der Leitung von Chefdirigent Mihkel Kütson das erste Klavierkonzert mit Dinara Klinton als Solistin, dazu die zweite Sinfonie und zwei Ouvertüren.

Balakirev sah sich durch und durch als russischen Komponisten.  Mit Skepsis beäugte er die „Verwestlichung“ seiner Kollegen Tschaikowsky und Rubinstein. Balakirev gründete sogar eine eigene Musikschule mit der Folge, dass angefangene Kompositionen oft jahrzehntelang unvollendet blieben. Möglicherweise ist das einer der Gründe, weshalb sein erstes Klavierkonzert unvollendet blieb.

Balakirev war einer der wenigen Komponisten, der eine Bühnenmusik zu Shakespeares „King Lear“ Drama verfasste. Seine Ouvertüre bietet brillante Themenverknüpfungen, um einen knappen Überblick der gesamten Handlung des Dramas zu vermitteln. Besonders beeindruckend ist Balakirevs Handhabung der Leitmotive, die den Handlungsverlauf des Dramas klar strukturieren.

Das erste Klavierkonzert ist ein kurzes Werk und überzeugt auf der ganzen Linie als musikalischer Solitär. Reminiszenzen an Liszt und vor allem an Chopin machen den Zugang leicht. Solistisch ist es anspruchsvoll und erfordert den vollen virtuosen Einsatz. Ungewöhnlich bei solch einem kurzen Weg ist die ausgedehnte Orchestereinleitung.

Zu erleben ist die preisgekrönte ukrainische Pianistin Dinara Klinton, die bereits mit sechzehn Jahren ihre erste CD veröffentlichte. Ihre internationale Konzertaktivität kombiniert Dinara Klinton mit ihrer Lehrtätigkeit als Professorin am Royal College of Music und an der Yehudi Menuhin School.

Mit hörbarer Leichtigkeit und kompakten Zugriff ist Klinton zu erleben. Ihr Spiel ertönt animiert und mit viel Espressivo. Dazu verfügt sie über die notwendige dynamische Bandbreite und ein geschicktes Timing, dieses Klavierkonzert ins beste Licht zu stellen. Das kantable Hauptthema wird von ihr wunderbar vorgestellt, um dann von ihr mit leichter Hand weiter variiert zu werden.

Mikhel Kütson und die Niederrheinischen Symphoniker begleiten sie präzise und mit mitreißendem Elan.

Die 1857/58 komponierte Ouvertüre über drei russische Volkslieder war das erste reine Orchesterwerk Balakirevs, das auf russischer Volksmusik basierte. Für einen jungen Mann Anfang zwanzig handelt es sich um eine bemerkenswerte Komposition. Ein elegant verarbeitetes langsames Volkslied mit dem Titel „Die silberne Birke“ dient als Introduktion und Epilog. Dessen erstes Thema, „Auf den Feldern steht ein Birkenbaum“ in h-Moll, ist das Volkslied, das in hohem Maß das Finale der vierten Sinfonie von Tschaikowsky beherrscht. Diese Ouvertüre hatte demnach bedeutende Auswirkungen auf die russische Musik, die bei ihrer Uraufführung anlässlich eines Konzerts an der Universität von St Petersburg Anfang Januar 1859 nicht abzusehen waren.

Auch die zweite Sinfonie, die Balakirev erst gegen Ende seines Lebens abschließen konnte, geriet formal eigenwillig. Acht Jahre währte der lange Schaffensprozess. Russische Themen belegen die tiefe Kenntnis der Volksmusik, die Balakirev auf Reisen durch den Kaukasus studierte.

Das Werk wirkt reich inspiriert und ist voller energiegeladener Ideen anzuhören. Bereits in den ersten Minuten wächst die Musik prachtvoll zu großer Wirkung. Mit viel landestypischer Kolorierung stürmt das Scherzo am Ohr des Zuhörers vorbei und gipfelt in einer virtuosen Coda. Balakirev nutzt dabei das Schlagzeug zur vielfältigen Farbgebung. Hinreißend ist der umwerbende Charakter in der Romanza eingefangen, das Wechselspiel zwischen einleitenden Holzbläsern und singenden Streichern ist von großer Intensität. Der letzte Satz wird geprägt von einer eleganten Polonaise, die zum Ende hin prachtvoll gesteigert wird.

Die Niederrheinischen Symphoniker wurden von ihrem Chefdirigenten Mikhel Kütson sehr gut vorbereitet. Seit zehn Jahre wirkt der Este als Generalmusikdirektor erfolgreich an den Theatern Krefeld und Mönchengladbach. Erkennbar gut und fruchtbar ist diese Kontinuität. Das Orchester musiziert mit hörbarer Freude und viel Ausdruck. Die klangliche Ausgewogenheit in lichter Transparenz ist bemerkenswert, wie es auch in den vielen Ausbrüchen satte Klangwirkungen zu erzielen weiß. Zu keinem Zeitpunkt wirkt diese rare Musik für das Orchester und den Dirigenten fremd.

Die hervorragende Aufnahmetechnik setzt die Ausführenden ins beste Licht und sollte für alle Musikfreunde ein zusätzlicher Anreiz sein, Balakirev zu entdecken.

Dirk Schauß, im Dezember 2022

 

Diese Seite drucken