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CD Mieczysław Weinberg: Symphonien Nr. 3 & 7, Flötenkonzert Nr. 1 – Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert das City of Birmingham Symphony Orchestra und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen; Deutsche Grammophon

21.10.2022 | cd

CD Mieczysław Weinberg: Symphonien Nr. 3 & 7, Flötenkonzert Nr. 1 – Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert das City of Birmingham Symphony Orchestra und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen; Deutsche Grammophon

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Mieczysław Weinberg ist tatsächlich der unterbewertetste Komponist des 20. Jahrhunderts, auch wenn sich das Bild allmählich zu drehen beginnt. Nimmt man alleine die Dritte Symphonie Op. 45, dann ist überhaupt kein qualitativer Unterschied zu den Spitzenwerken eines Shostakovich oder Prokofiev auszumachen. Im Gegenteil: Weinberg war nicht nur kein Epigone von irgendwem, sondern ein feinsinniger Stilist, dessen scheinbare „Angepasstheit“ und ausgiebiges Stöbern im Fundus der Musikgeschichte es ihm erlaubte, musikalische Seelenbilder voller Empathie für die facettenreiche conditio humana in einem ganz eigenen Idiom zu entwickeln.

Weinberg war ein genuin sowjetischer Komponist, er hatte mit allen quälenden Schwierigkeiten, die die Nomenklatura künstlerischen Freigeistern entgegenzuhalten hatte, zu kämpfen. Kritik gab es an seinem avantgardistischen Schreibstil, dazu kam ein offener Antisemitismus (1948 wurde sein Schwiegervater, eh. Leiter des Moskauer Jüdischen Theaters ermordet, ein fiktiver Autounfall diente als propagandistischer Vorwand) und zeitweilig war sogar die Aufführung einiger seiner Werke verboten.

Musikalisch gelang es Weinberg wie auch seinen berühmten Kollegen trotz oder gerade wegen der offiziellen Kunstdoktrin kompositorische Mittel und Pfade zu finden, die so originär und klatschbunt waren, dass ihre Werke heute zu den aufregendsten der russischen Musik zählen. Verordnen ließ sich eine konservative Tonsprache, eingängige Melodien, Volksnähe und Folklore zwar allemal. Dass die genialsten unter den Komponisten dieses Diktum aber ausgiebig nutzten, um subjektiv umso verschlüsselter, raffinierter und bis an alle Grenze gehend ihre letztlich immer radikal avantgardistischeren Kompositionen zu camouflieren, bescherte der Musikwelt einzigartige Symphonien. In ihrer augenzwinkernden Ironie und ihrem dampfenden Räderwerk, in ihrer bodenständigen Patchworkform und berührenden Intimität suchen sie tatsächlich ihresgleichen.

Bedrängt von der Antiformalismus Kampagne 1948 landete Weinberg kurz vor Stalins Tod kurz im Gefängnis. Trotz dieser schwierigen Lebensumstände ist die zu der Zeit entstandene Dritte Symphonie alles andere als ein offenes musikalisches Tagebuch. Zitate jüdischer, weißrussischer und polnischer Volksmusik, klassizistische Transparenz bei romantischer Versponnenheit (das Adagio darf wohl in der Folge von Mahlers Adagietto in dessen Fünfter Symphonie als einer der schönsten langsamen Sätze russischer Provenienz gelten), höchst individuell gesetzte rhythmische Akzente und harmonisches Wetterleuchten trotz tonaler Basis markieren dieses rätselhafte Stück voller heller Farben und orchestraler Traumbilder. Gerade bei Weinberg geht es darum, hinter die Noten zu hören, aber auch sich tragen zu lassen vom subjektiven Klangkosmos des Tonsetzers, den er in einmalig sensitiver Art und genuiner Formensprache erstehen lässt. Weinberg war ein scheuer Mensch, der nichts Biographisches vordergründig offenbarte, aber in den so unterschiedlich konzipierten Symphonien mit einem „Netz an Querverbindungen und Andeutungen“ (Verena Mogl) arbeitete, wobei zahlreiche (Selbst) Zitate und Allusionen „einen breiten Deutungshorizont eröffnen“.

Das Album startet mit der Symphonie Nr. 7, Op. 81 aus dem Jahr 1964 für Streichorchester und Cembalo (Kirill Gerstein). Welch reizvoller Gegensatz: Das durch Weinbergs delikatem Klangverständnis gefilterte, aber dennoch wenn auch knapp mit sarkastisch shostakovich’schem Gehämmere nicht immer zart durchsetzte Musikgeflecht und der filigran barocke Tastensound. Die fünf Sätze dieser einem Concerto grosso nachempfundenen Symphonie werden ohne Unterbrechung durchgespielt.

Ganz auf der leichten, verspielten Seite steht das erste Flötenkonzert Op.75 aus dem Jahr 1961 (Solistin Marie-Christine Zupancic drechselt kunstvoll all die rasant vorbeiflitzenden Ranken und Schnörkel der Partitur). Das dem Flötisten Alexander Korneev gewidmete Werk besticht durch walzerseliges Schweben, salonhafte Eleganz wie jähe, treibenden Gewitterwolken ähnlichen Eintrübungen.

Mirga Gražinytė-Tyla, der ersten Dirigentin mit Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon, ist die Musik Weinberg merklich ein Herzensanliegen. Wie schon bei Ihrer vielgelobten Label-Debüt-Einspielung der Symphonien Nr. 2 & 21 „Kaddish“, aufgenommen 2018, gelingt es der Dirigentin auch jetzt, eine kantige rhythmische Präzision mit zauberischer klanglicher Feinjustierung zu verbinden. Für den jeweiligen subkutanen erzählerischen Duktus der Musik, so filmisch konkret wie mit stetig wechselnder Kameraperspektive, findet Gražinytė-Tyla die passende Dramaturgie. Die beiden Klangkörper ziehen durch Spiellust animiert mit.

Hoffentlich wird final ein richtiger Zyklus daraus mit allen Symphonien und vielen Konzerten, der dann auch auf dem neuen audio & video streaming service STAGE-plus, der klassischen digitalen Konzerthalle der DGG, genossen werden kann. Siehe: www.stage-plus.com

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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