CD: MICHELE CARAFA: MASANIELLO • Kraków Philharmonic Orchestra, Nicola Pascoli
Weltersteinspielung
Ein Stück Familiengeschichte
Das Label NAXOS hat die Aufführungen von Michele Carafas «Masaniello ou Le Pêcheur napolitain» am 19. und 26. Juli 2024 in der Trinkhalle in Bad Wildbad (im Rahmen des Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad) aufgezeichnet und bringt diese nun (ohne die gesprochenen Dialoge) als Gesamtaufnahme heraus. Der Raritäten-Charakter des Werks relativiert die Aufnahmetechnik, die die Live-Aufnahme eindeutig erkennen lässt.

Bei Michele Carafas (1787-1872) «Masaniello ou Le Pêcheur napolitain» (Opéra comique, Salle Feydeau, Paris; 27.12.1827) gibt es den seltenen, vielleicht sogar einmaligen Fall, dass sich der Komponist der Abstammung von Protagonisten der von ihm vertonten Ereignisse rühmen kann. Diomede und Giuseppe, wie Michele Angehörige des neapolitanischen Adelsgeschlechts der Carafa de Colobrano, waren in den Aufstand des Tommaso Aniello, genannt Masaniello, verwickelt. Giuseppe Carafa bezahlte dies mit seinem Leben: er wurde gelyncht, gevierteilt und enthauptet. Der Aufstand des Fischers Tommaso Aniello d’Amalfi gegen von der spanischen Regierung in Neapel erhobenen übermässigen Steuern und die Machtmissbräuche des Adels hat in der Literatur und auf der Bühne reichen Nachhall gefunden.
Das musikalische Talent des 1787 geborenen Michele Carafa wurde bereits früh erkannt und so begann die musikalische Ausbildung im heimischen Neapel, die er dann in Paris als Schüler Cherubinis (1760-1842) vervollkommnete. Unterbrochen wurde Carafas musikalische Ausbildung durch ein, wohl der Familientradition geschuldetes, Intermezzo im Militärdienst, wo er als persönlicher Adjutant Joachim Murats an Napoleons Russland-Feldzügen teilnahm. Gioacchino Rossini lernte er schon in Neapel kennen, wo beide um die Lorbeeren des San Carlo, des führenden Hauses der Stadt, konkurrierten. Es entwickelte sich trotzdem ein dauerhafte Wertschätzung und Freundschaft zwischen den beiden, die sich darin zeigt, dass Carafa regelmässig an Adaptionen von Opern Rossinis mitwirkte und dieser 1860 Carafa beauftragte, seine «Semiramide» den Erfordernissen der Grand Opéra zu französisierten (und ihm dafür auch die entsprechenden Tantiemen überschrieb). Carafas Erfolg auf den Bühnen Frankreichs begann, nach dem er mit dem überwältigenden Erfolg seiner «Gabriella di Vergi» 1816 in Neapel bekannt geworden war, (ab 1821) mit seinen Arbeiten für die Opéra comique in Paris.
Interessant ist Carafas Vertonung vor allem deshalb, weil die nur drei Monate später uraufgeführt «La Muette de Portici» (29.02.1828) von Daniel-François-Esprit Auber (1782-1871) das gleiche Sujet behandelt. Die Libretti beider Opern basieren (unter anderem) auf den «Mémoires sur la révolution de Naples et de 1647» (1827) von Esprit de Raimond de Mormoiron (1608-1672). Identisch ist die Moral bei beiden Werken (wie auch den übrigen zeitgenössischen Masaniello-Dramen): Die Erhebung gegen Obrigkeit hat den Untergang der Aufständischen zur Folge. Hinzu kommt die politische Situation kurz vor dem Ende der Restauration und der Juli-Revolution in Frankreich. Für das Libretto von Moreau und Lafortelle verlangte die Zensurbehörde die Änderung zahlreicher als kritischer eingestufter Verse («Es bietet einen Beweis für die Gefahr von Revolutionen» / «ein Sujet mit gefährlicher Wirkung»). Im Falle von Aubers Muette war die Kommission, wie sich zeigen sollte zu Unrecht, weniger kritisch („Das Sujet ist dasselbe wie Masaniello, aber viel taktvoller behandelt“): die Aufführung vom 25.08.1830 in Brüssel wurde zum Initial der Unruhen gegen die niederländische Herrschaft, die schliesslich zur Unabhängigkeit Belgiens führten. Die Wahl des Stoffes für Carafas Werk dürfte kein Zufall gewesen sein und steht in Zusammenhang mit der Rivalität der Pariser Theater. Während Rossini für das Théâtre Italien komponierte, war die Académie Royale de Musique daran interessiert Rossini abzuwerben. Hier nun forderte die Opéra comique die Académie Royale mit einem in jeder Hinsicht aufwendigem Historiendrama auf deren eigenem Terrain heraus.
Bevor die Gattung der Grand Opéra als Ganzes gegen Ende des 19. Jahrhunderts einem weitreichenden Vergessen anheimfiel, stand Carafas «Masaniello» auf den Bühnen vieler Städte Frankreichs, häufig auch im Wechsel mit Aubers «Muette». Die Oper, die in ihren ersten Saison 69 Aufführungen erlebte, wurde nicht nur als Partitur, sondern auch als Klavierauszug und in Bearbeitungen gedruckt. Die letzte vollständige Aufführung vor den Wiederentdeckung durch das Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad dürfte 1882 am Pariser Théâtre du Chateau-d’Eau erfolgt sein.
«Masaniello ou Le Pêcheur napolitain» gilt heute als Hauptwerk Carafas, weil er sich hier von italienischen Formen löste und der französischen Oper zuwandte. Schon der zeitgenössische Kritiker François-Joseph Fétis (1784-1871) erkannte: «Die Musik des Masaniello zeigt uns eine bemerkenswerte Veränderung im Stil von Maestro Carafa; indem sie auf den Grossteil der Effekte von Rossinis Stil verzichtet, nähert sie sich sehr der französischen Form an, wiewohl er an mehreren Stellen neapolitanische Arien als Motive für seine Stücke verwendet hat». Elemente Rossinis und der italienische Oper sind im Instrumentalen noch deutlich wahrnehmbar. In den gesungenen Passagen ist das weniger Fall, da diese ja immer wieder durch (die nicht aufgenommenen Dialoge) unterbrochen werden. Die bereits erwähnte Sensibilität der Zensur dürfte auch damit zusammenhängen, dass der Text in den gesprochenen Dialogen (zumindest theoretisch) deutlich besser verständlich ist, als wenn er «aufwendig» gesungen wird.
Das Kraków Philharmonic Orchestra unter spielt unter Nicola Pascoli rhythmisch präzise und klangschön auf und kostet die «italienischen Passagen» voll aus. Der Kraków Philharmonic Chorus (Einstudierung: Piotr Piwko) bewältigt seine Einsätze mit sattem, homogenem Wohlklang.
Mert Süngü gibt den Masaniello schön metallischem, kraftvollem Tenor. Die Entdeckung der Aufnahme ist Catherine Trottmann die der Léona ihren agilen, runden und im Lyrischen wunderbar aufblühenden Sopran leiht. In der Arie «Ah! mon ami, que ces pensées» gelangt ihre kristallklare, bruchlos geführte Stimme in höchste Höhen und überzeugt mit purem Wohlklang. Nathanaël Tavernier gibt den Ruffino mit einem wendig geführten, hellen, schon fast zum Bariton tendierenden Bass. Luis Magallanes glänzt als Le conte de Torellas/Calatravio mit kräftigem, elegantem, klarem Tenor mit guter Technik. Juan José Medina als Matteo, Camilla Carol Farias als Thérésia, Francesco Bossi als Le Gouverneur/Giacomo und Massimo Frigato als Pedro/Charlatan ergänzen das furiose Ensemble überzeugend.
Auf jeden Fall eine lohnende Entdeckung!
25.10.2026, Jan Krobot/Zürich

