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CD: MICHEL-RICHARD DE Lalande: Les fontaines de Versailles & LE Concert d’Esculape – Boston Early Music Festival Vocal & Chamber Ensembles, Robert Mealy

11.02.2021 | cd

CD: MICHEL-RICHARD DE Lalande: Les fontaines de Versailles & LE Concert d’Esculape – Boston Early Music Festival Vocal & Chamber Ensembles, Robert Mealy

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15 Jahre nach Lullys «La Grotte de Versailles» (1668, LWV 39) wurden die Gärten von Schloss Versailles im Rahmen der «Kleinen Oper in sechs Szenen» «Les Fontaines de Versailles» (1683, S. 133) von Michel-Richard de Lalande (1657–1726) erneut Gegenstand von Musik.

Lalande wurde am 15. Dezember 1657 als fünfzehntes Kind eines Schneiders in Paris geboren. Zusammen mit dem Marin Marais (französischer Komponist, 1656-1728) war er Chorknabe in der Pfarrkirche Saint-Germain-l’Auxerrois, deren Kapelle von François Couperin d. Ä. (1631–1708) geleitet wurde. Dort erhielt er auch seine musikalische Ausbildung. Bevor Françoise de Rochechouart, marquise de Montespan (1640-1707), eine Mätresse Ludwigs XIV auf ihn aufmerksam wurde und protegierte, war er Organist in verschiedenen Pariser Pfarrkirchen. Er wurde am Hof Cembalolehrer der drei Prinzessinnen, den Töchtern Ludwigs XIV. Nachdem sich der Hof 1682 permanent in Versailles niedergelassen hatte, stieg Lalande zum »sous-maîtres de Chapelle« auf. Lalande gelang es sich bei Hofe mit unter Anderem «Les Fontaines de Versailles» und «Le concert d’Esculape» (1683, S. 134) ins rechte Licht zu rücken. 1689 stieg Lalande dann zum »Surintendant de la musique de la Chambre«. Lalande gelangte zu immer mehr Funktionen, so dass er nach der langen Karriere am Hof bei seinem Tod 1726 alle Ämter in seiner Person vereinte, die für einen französischen Musiker von Bedeutung waren.

«Les Fontaines de Versailles» (April 1683, S. 133) sind Teil von Lalandes Bestrebungen eine nach Form und Inhalt perfekt auf Versailles zugeschnittene Gattung zu produzieren, um vor dem Hof seine Fertigkeit als Komponist weltlicher Musik ins rechte Licht zu rücken. Um die Ankunft des Königs in Versailles zu feiern, lässt das Libretto von Antoine Morel jene griechisch-römischen Gottheiten, deren Standbilder die Gärten von Versailles schmücken, auftreten und die Aufmerksamkeit, die der König den Gärten geschenkt habe, lobpreisen. Das übergreifende Konzept der Gärten, die Entwicklung und der Blick aufs Ganze als triumphaler Ausdruck der Macht, die der König über die Natur ausübt, stammt von Ludwig XIV. – wie auch das Schloss von Versailles als Ausdruck der Macht des Königs über die Menschen. Virginia Warnken als Leto, Molly Netter als Flora, Aaron Sheehan als Apollo, Sophie Michaux als Ceres, John Taylor Ward als Enkelados, Brian Giebler als Bacchus, Margot Rood als La Renommée, Jesse Blumberg als Komos und Olivier Laquerre als Le Dieu du Canal interpretieren ihre Partien mit frischen, glasklaren Stimmen und mustergültiger Textverständlichkeit.

Beim nur gut einen Monat später uraufgeführten «Le concert d’Esculape» (Mai 1683, S. 134) handelt es sich nur oberflächlich gesehen um ein Loblied auf Aeskulap als Verkörperung der Medizin. Konkret wollte der französische Hof im Mai 1683 die Genesung einer Person, deren Wohl »der Krone teuer« war, und die Erleichterung Ludwigs XIV. über diese Entwicklung durch eine Ehrengabe an die Kunst der Medizin zelebrieren. Der Lobgesang auf den Patron der Medizin ist natürlich auch als Lobgesang auf den Monarchen, dem der Fortschritt der Medizin ein kulturpolitisches Anliegen war, zu lesen. Den Hinweis darauf, wem das Stück, das nur in einer Kopie überliefert ist, gilt, verdanken wir dem Kopisten: dem königlichen Musikbibliothekar André Danican Philidor dem Älteren (ca. 1652–1730). Auf der Kopie vermerkte er: »Danksagung des Monsieur Philidor an Monsieur Moreau, den Medicus von Madame la Dauphine, in Musik gesetzt von Monsieur Delalande«. Jean-Baptiste Moreau (ca. 1628–1693) wurde 1681 zum Arzt seiner Schwiegertochter Anna Victoria von Bayern, der Gattin des Thronfolgers (Dauphin) Ludwig. Moreaus Aufgabe war es, ganz schnörkellos formuliert, die Dauphine zwecks möglichst zahlreicher Geburt möglichst vieler Thronfolger möglichst lange am Leben zu halten. Bevor Anna Victoria 1690 starb, und «Le concert d’Esculape» in Vergessenheit geriet, schenkte sie Ludwig XIV. drei Enkel. Die Solisten Teresa Wakim, Virginia Warnken, Jason McStoots, Aaron Sheehan, Jesse Blumberg und John Taylor Ward überzeugen auch hier voll und ganz.

Die Vocal & Chamber Ensembles des Boston Early Music Festival unter Leitung von Robert Mealy spielen die französische Barockmusik hoch konzentriert und fein ziseliert.

10.02.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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