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CD MICHEL PIGNOLET de MONTÉCLAIR: JEPHTÉ – Erstaufnahme dieser Tragédie tirée de l‘Écriture sainte en un prologue et cinq actes in der dritten Version aus 1737; Glossa

09.03.2020 | cd

CD MICHEL PIGNOLET de MONTÉCLAIR: JEPHTÉ – Erstaufnahme dieser Tragédie tirée de l‘Écriture sainte en un prologue et cinq actes in der dritten Version aus 1737; Glossa

 Bei französischen Barockopern denkt wohl jeder zuerst an Lully und Rameau. Dank beherzter musikalisch-archeologischer Initiativen wie derjenigen des „Centre de musique baroque de Versailles“ und des „Müpa Budapest“ haben wir jetzt Gelegenheit, ein Hauptwerk französischen Opernschaffens aus der ersten Hälfte des  18. Jahrhunderts in einer rundum erstklassig musizierten und engagiert gesungenen Studioaufnahme vom März 2019 kennenzulernen.

 

Montéclair, Geiger und Kontrabassist an der Opéra Paris, schrieb Lieder, Instrumentalsuiten, Kantaten, die Ballettoper „Les Fêtes de l‘Été“ und die Oper „Jephté. Letztere erwies sich als eine der publikumswirksamsten Opern des 18. Jahrhunderts. Sie wurde nach der Premiere 1733 in sieben Wiederaufnahmen in einem Zeitraum von dreißig Jahren allein an der Pariser Oper über 100 Mal aufgeführt. In Versailles stand „Jephté“ bei den Konzerten der Königin auf dem Programm, in Lyon wurde das Theater 1739 damit wieder eröffnet. Für die damalige Schnelllebigkeit und kurze Halbwertszeit von Opern eine sensationelle Bilanz, von der selbst ein Rameau nur träumen konnte. A propos: Madame Rameau, Komponistengattin und Hofsängerin, übernahm 1740 in Jephté gleich mehrere Rollen.

 

Obwohl Voltaire und der Erzbischof von Paris das Werk ganz und gar verachteten, der eine aus Eifersucht, weil seine gleichzeitig aufgeführte Tragödie „Eryphile“ floppte, der andere, weil er keine biblische Geschichte auf der Opernbühne sehen wollte, war die Oper Jephté das einschneidende Initialerlebnis für Rameau, es selber mit der Komposition von Opern zu versuchen. Schon dafür gebührt Dank und Interesse aller Opernfreunde.

 

In „Jephté“ aus dem Buch der Richter geht es um einen Vater, der seine Tochter opfern will, um sein Versprechen an Gott zu halten. In der Oper ist dieser Aktionsrahmen durch eine Liebesgeschichte und die final waltende göttliche Gerechtigkeit, die Iphises Leben schont und für ein Happy End sorgt, gemildert. Aber vor allem ist es die großartige Musik, die in all ihrer repräsentativen Pracht, in ihrem vokal goldenem Zierrat, den mächtigen Chören und blinkenden Trompetenfanfaren den Hörer mitreisst. Sie weckt im formalen Kleid Lullys in ihrer extremen Ausdruckskraft, den schillernden Harmonien und ihrem instrumentalen Prunk stilistische Assoziationen an Marc-Antoine Charpentiers Schaffen. Alle kennen sein „Te Deum“ als Vorlage für die schon über 65 Jahre alte  Eurovisionshymne, um eine bestimmte rudimentäre Vorstellung von der mitreissenden Wirkung der Partitur auch für heutige Ohren zu haben. 

 

Als Vorlage für die Aufnahme diente die dritte Fassung aus 1737, die im Zusammenhang mit einer Reihe von Aufführungen, den letzten zu Lebzeiten des Komponisten, entstand und das beste aus den beiden Vorgängerversionen übernimmt. György Vashegi, der für das Label Glossa schon seit über fünf Jahren Schlüsselwerke des französischen Barock von Rameau über Mondonville bis zu Gervais mit den für dieses Fach besten Sängerinnen und Sängern aufnimmt, legt nun wieder eine mustergültige, trotz aller akademischen Präzision immens lebendige Einspielung vor. Ihm zur Seite brillieren der stimmgewaltige, stilistisch überzeugende  Purcell Chor, das Orfeo Orchestra und in den Hauptrollen eine Sängerschar, die selbst kritischste Geister entzücken wird:  Der balsamische Tassis Christoyannis als Jephté, die französische Nachtigall Chantal Santon Jeffery als Iphise, der samtige Mezzo von Judith van Wanroij als Almasie und Vérité, der amerikanische Tenor Zachary Wilder als Ammon. Eine Empfehlung für alle Liebhaber frisch und mitreissend interpretierter Alter Musik!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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