CD: MICHAEL SPYRES: IN THE SHADOWS • Les Talens Lyriques, Christophe Rousset
«Mein lieber Schwan!»

Richard Wagner ist für viele Sänger wie Zuschauer ein Singulär des Opernrepertoires, dessen Bedeutung vor allem über die Schatten, die er wirft, wahrgenommen wird. Der Baritenore Michael Spyres gehört zu jenen Sängern die ihre Karriere geschickt geplant haben. Nun nähert er sich Wagner und präsentiert auf seiner neuesten CD nicht Wagner pur, sondern seinen Weg zu Wagner, über die Künstler und Werke, die Wagner inspirierten. Wagners Leben wurde von der Wissenschaft umfassend aufgearbeitet: der Einfluss von Komponisten wie Auber, Bellini, Berlioz, Halévy, Méhul, Meyerbeer, Rossini, Spontini und Weber harrt noch der Entdeckung und vor allem Aufarbeitung. Bei der Entdeckung der Komponisten, die in Wagners Schatten standen und weitgehend immer noch stehen, wird Wagner von Les Talens Lyriques unter Christoph Rousset mehr als nur fachkundig begleitet.
Étienne Méhul (1763–1817; Track 1: «Vainement Pharaon, dans sa reconnaissance…Champs paternels» aus «Joseph») gehörten neben Mayr, Spontini, Cherubini und Grétry zu den wichtigsten Komponisten der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons. Wagners Kontakt zur Opéra comique in seiner Jugendzeit ist belegt.
Ludwig van Beethovens (1770-1827, Track 2: «Gott! Welch Dunkel hier!… In des Lebens Frühlingstagen» aus «Fidelio») vokale Gestaltung der Rolle des Florestan stellt den Prototyp für Wagners Heldentenor.
Einfluss auf die Gestaltung des «jugendlichen Heldentenors» mit der Kombination von Koloratur und dramatischem Ausdruck zum Typus des romantischen Tenors hatten Gioacchino Rossini (1792-1868, Track 3: «Della cieca fortuna un tristo esempio… Sposa amata» aus «Elisabetta, regina d’Inghilterra») und Giacomo Meyerbeer (1791-1864; Track 4: «Suona funerea» aus «Il crociato in Egitto»).
Neben den Opéras comiques gehörte Webers Freischütz (1786-1826; Track 5: «Nein, länger trag’ ich nicht die Qualen… Durch die Wälder, durch die Auen») zu den Werken, die den jugendlichen Wagner beeinflussten. Die Wolfsschluchtszene und die Verarbeitung volkstümlicher Motive erinnern den Zuhörer von heute auch an den Fliegenden Holländer.
Aubers (1782-1871; Track 6: «Spectacle affreux! …Ô Dieu! toi qui m’as destiné») «La Muette de Portci» ist eine der gattungsprägenden Grand opéras.
Gaspare Spontinis (1774–1851; Track 7: «Der Strom wälzt ruhig seine dunklen Wogen») «Agnes von Hohenstaufen» dürfte mitbestimmend für Wagners Inspiration zu Rienzi» gewesen sein. Vielleicht hat auch Spontinis Selbstbewusstsein im Allgemeinen auf Wagner abgefärbt.
Heinrich Marschner (1795–1861; Track 9: «Gönne mir ein Wort der Liebe» aus «Hans Heiling») hatte so grossen Einfluss auf Wagner, dass ein Thema aus Hans Heiling in der «Walküre» wiederauftaucht.
Vincenzo Bellini (1801–1835; Track 8: «Meco all’altar di Venere… Me protegge, me difende» aus «Norma») ist einer der wenigen «welschen» Komponisten, über die Wagner sich positiv äusserte.
In den nicht kanonischen Opern Wagners (Track 10: «Wo find ich dich, wo wird mir Trost?» aus «Die Feen» und Track 11: «Allmächt’ger Vater, blick’ herab!» aus «Rienzi») laufen all diese Einflüsse zusammen. Im Lohengrin (Track 12: «Mein lieber Schwan!») hat Wagner seinen Stil dann endgültig gefunden.
Michael Spyres ist unter den Sängern der Gegenwart ein Singulär. Von Natur aus mit einem enormen Stimmumfang gesegnet (gut nachzuhören in Meyerbeers «Suona funerea»), eben Bariton und Tenor, ermöglichte ihm die geschickte Karriereplanung seine Stimme enorm vielseitig zu entwickeln. Mit 83 Rollen in 78 verschiedenen Opern hat er das grösste Repertoire der aktiven Tenöre und jede dieser Rollen in all ihrer stilistischen Vielfalt perfekt einstudiert. Für diese Flexibilität stehen gleich die ersten drei Tracks der Aufnahme: jede Nummer mit ganz eigenen Farben und in eine sprachlichen Durchdringung wie von einem Muttersprachler. Méhuls «Vainement Pharaon» zeigt dann auch, dass Spyres selbst die Qualitäten eines Tenore di grazia abdeckt.
Ein phänomenaler Sänger bedarf phänomenaler Begleitung und die bieten Les Talens Lyriques unter der musikalischen Leitung ihres Gründers Christoph Rousset. Mit wunderbar herbem, leicht trockenem Klang tragen die Musiker Spyres stilistisch versiert, wie er singt, durch den Abend. Die perfekte Symbiose!
Grosses Suchtpotential: So schnell legt man diese CD nicht beiseite!
03.03.2023, Jan Krobot/Zürich

