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CD: MICHAEL HAYDN: MISSA SANCTI NICOLAI TOLENTINI / VESPERAE PRO FESTO SANCTI INNOCENTIUM ANIMA NOSTRA – Lawes Baroque Players, Tom Wipenny

09.01.2021 | cd

CD: MICHAEL HAYDN: MISSA SANCTI NICOLAI TOLENTINI / VESPERAE PRO FESTO SANCTI INNOCENTIUM ANIMA NOSTRA – Lawes Baroque Players, Tom Wipenny

Bruder eines Genies

Michael Haydn: Missa Sancti Nicolai Tolentini MH 109 (CD) – jpc

Wilhelm Friedemann Bach oder Siegfried Wagner könnten darüber Auskunft geben, was es mit sich bringt, komponierender Sohn eines berühmten komponierenden Vaters zu sein. Michael Haydn könnte beredt Auskunft geben, was es bedeutet, komponierender Bruder eines Kompositions-Genies zu sein.

Geboren am 14. September 1737, fünf Jahre jünger als sein berühmter Bruder Joseph, ging Michael seinen Weg als Angestellter, während Joseph versuchte sich allein über Wasser zu halten. Nach zehn Jahren als Chorsänger am Wiener Stephansdom wurde er 1760 bischöflicher Kapellmeister in Grosswardein (heute Oradea in Rumänien) und 1763 «Hofmusicus und Concertmeister» des Fürsterzbischof Sigismund Christoph von Schrattenbach in Salzburg, wo er 44 Jahre bis zu seinem Tod blieb. Mit dem Amtsantritt von Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo wechselte das Hauptgewicht von Haydns Schaffen vom Dramatischen (für das Theater der Benediktiner-Universität) zum Sakralen. Sein sakrales Oeuvre umfasst unter anderem 24 lateinische und 4 deutsche Messen, 2 Totenmessen, 67 Offertorien und 114 Gradualien. 1782 wurde Haydn Organist an der Dreifaltigkeitskirche und damit Nachfolger von Wolfgang Amadeus, mit dem er sich zeitlebens bestens verstands. Mozart schätzte seine Musik sehr, E.T.A. Hoffmann (1776–1822) zog Michaels Kirchenmusik derjenigen des Bruders vor.

Die «Missa Sancti Nicolai Tolentini» (MH 109) ist Haydns erste Komposition einer grossen Messe und entstand 1768 für das Kollegiatstift der Augustiner-Chorherren im Salzburger Stadtteil Mülln. Die Messe für zwei Solo-Soprane und kleines Orchester muss anlässlich einer besonderen Gelegenheit entstanden sein, denn diese Art Musik passt kaum zur Tradition der Bettelorden

Bei den «Vesperae pro Festo Sancti Innocentium Anima Nostra» handelt es sich um eine Kompilation verschiedener Vesper-Sätze durch den Salzburger Kleriker Nikolaus Lang (1772–1837), der mit Haydn am Dom als Kopist zusammenarbeitete und später den ersten Werk-Katalog herausgab.

Den Lawes Baroque Players unter Tom Winpenny gelingt eine vorzügliche Interpretation der beiden Werke, geprägt von, ohne dass dies ein Widerspruch wäre, von barocker Schlichtheit. Zusammen mit den enorm jugendlichen Stimmen der beiden Sopranistinnen Jenni Harper und Emily Owen entsteht so ein Klang, der vor dem Auge des Zuhörers das Ambiente einer gepflegten Messe bzw. Vesper entstehen lässt.

Hier bleibt kein Wunsch offen.

09.01.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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