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CD MERCY von ISKANDAR WIDJAJA – Bearbeitungen von Werken Arvo Pärts, Max Richters und Johann Sebastian Bachs; Edel Germany

01.08.2018 | cd

CD MERCY von ISKANDAR WIDJAJA – Bearbeitungen von  Werken Arvo Pärts, Max Richters und Johann Sebastian Bachs; Edel Germany

 

Zu erzählen ist die Geschichte eines 31 Jahre jungen in Berlin geborene Musikers arabisch-holländischer sowie chinesisch-indonesischer Abstammung. Mit 11 Jahren wurde er als Jungstudent an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin aufgenommen. Daneben baute er sich im ostasiatischen Raum als TV-Trendsetter eine Showbizz-Karriere auf. In Indonesien ist er eine Art von Crossover Popstar. Persönlich setzt er sich für die Finanzierung von Musikinstrumenten und Unterricht von Straßenkindern ein. Soweit ein paar Blitzlichter zu Iskandar Widjaja.

 

Seine klanglichen Träume hat er jetzt mit ebenso jungen wie großteils engagierten Mitstreitern auf der CD „Mercy“ in Form gebracht. Mit einem Teil der Tracks beschreitet der den beiden Polen Tranzendenz und Minimalismus verschriebene virtuose Geiger aber eher barock-klangrankende Pfade. „Eneril“ nach Bachs „Erbarme dich, mein Gott“ aus der Matthäuspassion mit der einem existenziellen Aufschrei ähnlichen Stimme der mongolischen Ausdruckssängerin Urna Chahar-Tugchi ist der heißeste Anwärter auf Kultstatus.

 

Ein experimentierender Arrangeur ist dieser Widjaja, der der Kunst des Frei-im-Raum-schwebenden Klangs erlegen ist. Dabei müssen sogar Space-Sounds herhalten, hörbar gemachte Radiowellen der Planeten unseres Sonnensystems, die die NASA unter dem klingenden Titel „Symphony of Space“ veröffentlicht hat. Natürlich „passen die kraftvollen Gewitter und Blitze des Saturns, die 100-fach stärker sind als auf der Erde, zu andern musikalischen Stimmungen als die irisierend ätherischen Stimmungen des Jupiters“, meint Widjaja. Jeder Hörer kann sich bei Franchettis höchst subjektiver  Aneignung der berühmten „Fratres“ von Arvo Pärt selbst davon überzeugen, ob das planetarische Sausen einen Mehrwert gegenüber der Originalfassung ergibt oder nicht. Ziemlich abgefahren, aber soundmäßig doch recht spannend. Vor allem der Geiger Widjaja liefert hier eine starke Performance ab, gegen den Strich gebürstet, aufbäumend, hochenergetisch.

 

Ich finde, Widjaja übertreibt aber ganz gehörig, wenn er bei seiner Interpretation von Arvo Pärts „Spiegel im Spiegel“, einer Sound Synthesis von Giordano Franchetti,  Klänge aufgenommen aus dem Bauch einer schwangeren Frau zufügt. Es ist dies neben der allzu stromlinienförmigen Improvisation „River flows in you“ mit einer glatt-verkehrt gestrickten Klavierbegleitung (Friedrich Wengler) der geschmäcklerischste Titel der CD. Auch Max Richter muss in seiner ebenso Sound-verliebten Manier eigentlich nicht bearbeitet werden.

 

Gemeinsam mit der Oslo Camerata gelingen hingegen höchst eindringliche  Versionen/Visionen des Violinkonzertes in D-Moll, BWV 1052R, sowie einer reinen Instrumentalbearbeitung der Arie „Erbarme dich, mein Gott“ für Violine, Cello (exzellent Joon-Ho Shim) und Kammerorchester. Hier zeigt sich, dass der junge Künstler das esoterisch-marketinggerechte Brimborium um den Begriff „Gnade“ gar nicht nötig hätte. Da ist einfach ein eminent musikalischer Geiger und das noch dazu ziemlich bodenständig zu Werke, klar im Ton, mit der goldrichtigen Phrasierung und ganz schön viel expressiver Kraft. Widjaja liebt das Archaisch-Ungeschönte, das Rohe und damit extrem Natürliche an Bachs Musik, wie dies im Gesang der einzigartigen Urna Chahar-Tugchi so unvergleichlich  zum Ausdruck kommt. Genau da ist Widjaja in seinem Element, so wirkt er überzeugend und kann mit einer unmissverständlichen musikalischen Botschaft jenseits jeglicher PR-geschönter  Worte aufwarten. 

Widjaja ist ein klassischer Violonist, er hat mit den Münchener Philharmonikern gespielt und letztes Jahr sein Debüt in der Philharmonie mit dem deutschen Symphonieorchester Berlin  gegeben. Wie andere Crossover Künstler versucht er, lustvoll disparat scheinende Stilrichtungen inklusive Video-Acts unter einen Hut zu zaubern. Da wäre er ja nicht der erste – Friedrich Gulda wäre ein passender Quervergleich – und er wird auch nicht der letzte sein. Niemand soll und will einen seriösen kreativen Künstler in Schubladen stecken. Aber so Geige spielen wie Widjaja kann eben nicht jeder Popmusiker oder Showmaster. Oft ist es ja die ureigene Begabung, die den Hauptweg im Leben weist.

 

Fazit: Ein überwiegend faszinierendes Album mit eigenartig pseudoreligiös wirkendem Cover, in dem ein disziplinierter Geiger experimentelle, teils unaufgeregte, teils ganz genuin schöpferische Hörerfahrungen ermöglicht. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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