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CD: Mendelssohn – Grieg String Quartets Opus13 Alpha Classisc, Alpha1267

25.09.2026 | cd

CD: Mendelssohn – Grieg String Quartets Opus13 Alpha Classisc, Alpha1267

Kammermusik fordert hemmungslosen Zugriff

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Nordische Verheißung klingt auf dem Papier oft nach knisterndem Kaminfeuer, schroffer Felslandschaft und ein wenig Folklore-Melancholie für das gut situierte Bürgertum, doch die Realität im Tonstudio erfordert meist weit weniger Romantik und sehr viel mehr handwerkliche Härte. Wer sich als junges Ensemble den Namen eines der heikelsten und früh vollendetsten Meisterwerke der Kammermusikgeschichte gibt, fordert das Schicksal heraus, denn an Felix Mendelssohns a-Moll-Quartett op. 13 sind schon ganz andere Kaliber gescheitert. Die vier Skandinavier des Ensembles Opus13, zwei Norweger an den Geigen und zwei Schweden an Bratsche und Cello, haben sich für ihr Debütalbum bei Alpha Classics genau diesen Erstling vorgenommen und ihn mit Edvard Griegs g-Moll-Quartett gekoppelt. Das ist eine Ansage, die Mut verrät, aber auch eine gewisse Bereitschaft zur musikalischen Selbstentblößung, denn beide Werke leben von einem existenziellen Aufbegehren, das man nicht mit bloßer technischer Perfektion zudecken kann.

Mendelssohns Opus 13 ist der verzehrende Schrei eines Achtzehnjährigen, der den frischen Tod Beethovens verarbeiten musste und dessen späte Quartette genauer verstanden hatte als die gesamte zeitgenössische Kritikerzunft zusammen. Das einleitende Liedthema nach der berühmten Frage nach der Liebe wirkt bei Opus13 nicht wie eine sentimentale Biedermeier-Episode, sondern wie der nervöse Pulsschlag vor einem Ausbruch. Wenn das Allegro vivace einsetzt, hetzen die Sechzehntel nicht im feinen Biedermeier-Galopp dahin, sondern besitzen eine Kante, die man bei etablierteren Quartetten oft schmerzlich vermisst. Die Violinen von Sonoko Miriam Welde und Edvard Erdal suchen nicht den künstlichen Glanz, sie schneiden sich mit einer eher rauen Phrasierung durch die dichten Satzstrukturen. Besonders beeindruckend gelingt das Adagio non lento, in dem das düstere Fugato nicht akademisch trocken vorgeführt wird, sondern eine schleichende beklemmende Dringlichkeit entwickelt. Der Übergang zur tröstlichen Wendung der Coda verrät eine Reife, die man diesen Musikern nach ihren jüngsten Wettbewerbserfolgen in London und Bordeaux vielleicht zugetraut, in dieser Konsequenz aber kaum zu hoffen gewagt hatte.

Wer glaubt, nach diesem Mendelssohn-Parforceritt durchatmen zu können, wird von Griegs einzigem vollendeten Streichquartett op. 27 eines Besserem belehrt. Grieg schrieb sich hier 1877 in der Abgeschiedenheit von Lofthus die eheliche Krise und die Angst vor dem eigenen schöpferischen Versiegen von der Seele. Das Werk ist ein monolithischer Klotz, ein kammermusikalischer Vulkanausbruch, der nach orchestraler Fülle verlangt und manch feingeistiges Ensemble schlicht erdrückt. Opus13 packt diesen Stier ohne Zögern an den Hörnern. Bereits das einleitende Un poco Andante schlägt mit seinen wuchtigen Mehrfachgriffen eine Kerbe in den Raum, die absolut nicht harmlos klingt. Cellist Daniel Thorell und Bratschist Albin Uusijärvi unterlegen dem stürmischen Treiben ein massives Fundament, ohne dass der Klang breiig wird. Griegs ständige motivische Wiederholungen, die bei ungeschickter Handhabung leicht in ermüdende Redundanz abgleiten können, gewinnen hier durch fein austarierte Dynamik und messerscharfe Akzente eine Sogwirkung, der man sich schwer entziehen kann.

Interessant ist dabei die glasklare Klangregie der Produktion, die den Instrumenten eine greifbare Körperlichkeit verleiht. Man hört das Holz, man spürt den Bogenstrich, man nimmt fast das Atmen der vier Musiker im Raum wahr, was der Dramaturgie dieses Programms eine enorm ehrliche Note verleiht. Im Romanzen-Satz gelingt dem Quartett das Kunststück, den schmalen Grat zwischen skandinavischer Volkston-Idylle und plötzlichem emotionalen Umschlag souverän zu meistern. Der Übergang vom ätherischen Schluss des zweiten Satzes in die deftige Attacke des Intermezzos sitzt punktgenau. Im Trio blitzt dann jener trockene, nordische Humor auf, der den Satz wie einen schiefen Tanz auf einer hochgelegenen Almwiese wirken lässt – elegant im Vortrag, aber mit ordentlich Dreck an den Stiefeln. Das finale Saltarello-Presto schließlich jagt mit einer Rücksichtslosigkeit dahin, die dem Hörer kaum Zeit zum Luftholen lässt, bevor sich der Kreis zum einleitenden Motiv schließt.

Als Zugabe erlaubt sich das Quartett eine eigene Bearbeitung von Solveigs Lied aus der Peer-Gynt-Musik. Das hätte leicht in die Kitschfalle geraten können, entpuppt sich aber als ein wunderbar schlichtes, karges Nachspiel. Nach dem vorherigen dynamischen Exzess reduziert das Ensemble den Ton auf das absolut Notwendige. Die Geige singt die berühmte Melodie ohne jedes verlogene Portamento, getragen von einer ganz leisen, erstarrten Begleitung. Es ist der melancholische Schlusspunkt unter ein Album, das sich wohltuend vom geglätteten Einerlei des aktuellen Kammermusikmarktes abhebt. Opus13 präsentiert sich hier nicht als schnelles Jugendensemble, das mit Effekten um Aufmerksamkeit buhlt, sondern als eine Formation mit eigener Haltung, ausgeprägtem Klangbewusstsein und der Bereitschaft, der Musik ihre Ecken und Kanten zu belassen. Das ist kein Trost für nebenbei, sondern ein Tonträger, der Aufmerksamkeit einfordert und sie auch belohnt.

Dirk Schauß, im September 2026

Mendelssohn – Grieg

String Quartets

Opus13

Alpha Classisc, Alpha1267

 

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