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CD: Melodies in a bottle Vassilena Serafimova und Quatuor Ardeo La Dolce Vita, LDV156

30.04.2026 | cd

CD: Melodies in a bottle Vassilena Serafimova und Quatuor Ardeo La Dolce Vita, LDV156

Fluten wir das Wohnzimmer mit maritimem Schimmer

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Die Marimba gilt in der klassischen Kammermusik oft noch als exotischer Außenseiter. Doch was Vassilena Serafimova auf ihrem Album »Melodies in a Bottle« gemeinsam mit dem Quatuor Ardeo zelebriert, fegt jedes Vorurteil mit einem einzigen Schlägelstreich vom Pult. Beim feinen Label La Dolce Vita haben die fünf Musikerinnen eine klangliche Expedition vorgelegt, die so gar nichts mit staubiger Archivarbeit zu tun hat.

Den Auftakt bildet Jean Cras’ Harp Quintet in der sensiblen Bearbeitung für Vibraphon und Streichquartett von Vassilena Serafimova. Der französische Konteradmiral schrieb das Werk 1928 ursprünglich für Flöte, Harfe und Streichtrio. Die Ersetzung der Harfe durch das Vibraphon erweist sich als verblüffend: Die schwebenden, metallischen Töne verleihen den impressionistischen Wellenbewegungen eine neue, luftige Griffigkeit, ohne je schwerfällig zu wirken. Die Arpeggien perlen und tanzen mit einer Spielfreude, die im Finale ins Koboldhafte kippt. Das Quatuor Ardeo webt dabei einen Teppich aus geschmeidiger Lyrik – mal transparent wie eine Meeresbrise, mal dicht wie bretonischer Nebel. Besonders im langsamen Satz atmen die fünf Musikerinnen geradezu gemeinsam. Das Gleichgewicht zwischen perkussivem Schimmer und gesanglichem Streicherschmelz bleibt stets makellos gewahrt.

Fließend geht es über zu Claude Debussy. Seine »Danses sacrée et profane« gehören zum Standard jeder Harfenistin, doch in dieser Fassung für Marimba und Streichquartett vermisst man die Saiten kaum. Serafimova kitzelt ein funkelndes, an Gamelan erinnerndes Glitzern aus ihrem Instrument, während die Streicherinnen die leichten orchestralen Farben übernehmen. Es ist Musik des Lichts, serviert mit Präzision und sinnlicher Wärme. Man meint förmlich zu spüren, wie die Sonne auf dem Wasser tanzt, bevor der »Danse profane« mit einem Augenzwinkern in einen nostalgischen Walzertakt gleitet.

Einen scharfen, aber wohltuenden Kontrast schafft Arvo Pärts »Fratres« in der Version für Streichquartett und Marimba. Hier friert die Zeit beinahe ein. Pärts „neue Einfachheit“ wird zur spirituellen Reinigung: Die Marimba übernimmt die Rolle klarer Glockenklänge, während das Quatuor Ardeo den Choralcharakter mit unerbittlicher Ruhe trägt. Inmitten der sonst eher bewegten Aufnahme wirkt das Stück wie ein Moment absoluter Windstille – meditativ, rein und berührend.

Doch die Damen lassen das Publikum nicht lange in der Innerlichkeit verweilen. Mit Vivaldis »L’Estate« (Sommer aus den Vier Jahreszeiten) in einer farbenprächtigen Bearbeitung für Marimba, Vibraphon und Streichquartett wecken sie es vergnüglich und mit Schwung. Die Soloviolinen-Passagen wandern hier auf die Schlaginstrumente und sorgen für eine wunderbare Orientierungslosigkeit. Mal schnurrt das Ensemble wie eine gut geölte Jazz-Maschine, dann peitscht das Sommergewitter mit rhythmischer Wucht durch den Raum, dass kein Fuß stillstehen kann. Vivaldis Evergreen erstrahlt in neuem, modernem Licht, ohne seine barocke Virtuosität zu verraten.

Erik Satie darf auf dieser Reise natürlich nicht fehlen. Seine »Pièces froides« erklingen in einer Bearbeitung für Marimba solo als kleine hypnotische Inseln. Serafimova nutzt die klanglichen Nuancen ihres Instruments, um Saties Minimalismus zu betonen. Die scheinbar schlichte Musik wirkt plötzlich erstaunlich modern und weist weit voraus auf spätere Komponisten wie Steve Reich.

Den krönenden Abschluss bildet George Gershwin. Dass hier der bulgarische Jazzer Hristo Yotsov seine Finger im Arrangement hatte, hört man jeder Note an. »Fascinating Rhythm« erhält durch unregelmäßige Balkan-Rhythmen eine herrlich schräge, neue Kante – als würde das New York der 1920er Jahre plötzlich in einem Hinterhof in Sofia Station machen. »The Man I Love« hingegen schmilzt in warmer Chromatik dahin und wärmt das Herz, ohne je ins Kitschige abzugleiten.

Was dieses Album so besonders macht, ist das spürbare, über Jahre gewachsene Miteinander der Künstlerinnen. Man merkt: Diese Besetzung wurde nicht am Reißbrett entworfen, sondern auf der Konzertbühne lebendig. »Melodies in a Bottle« ist kein bloßer Aufguss bekannter Werke, sondern eine höchst inspirierte Neuerfindung kammermusikalischer Möglichkeiten – ein Reisetagebuch der Klänge, das Neugier weckt und reich belohnt.

Eine CD für Genießer, die das Besondere suchen und gerne einmal aus der Zeit fallen möchten. Die Damen haben hier ein Werk abgeliefert, das sich einprägt: mit maritimem Schimmer, eleganter Könnerschaft und einem stillen, aber intensiven Brennen – ganz im Sinne ihres Quartettnamens: Ardeo.

Dirk Schauß, im April 2026

Melodies in a bottle

Vassilena Serafimova und Quatuor Ardeo

La Dolce Vita, LDV156

 

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