CD: MÉLANCOLIE – KONSTANTIN KRIMMEL mit Liedern von JOHANNES BRAHMS und EUSEBIUS MANDYCZEWSKI; Alpha Classics
Weltschmerz zum Genießen: Darf’s ein Likörchen zur Verdauung sein?

Kein Zufall, dass sich intellektuelle und musische Geister aller Provenienz und Ecken Europas im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Wien trafen. In diesem multikulturellen Humus schufen sie nicht selten Erkleckliches. In der vielgestaltige Schönheit besingenden, sonst sich selbst genügenden Donaustadt weiß man am besten um das Lebensgefühl von schwarzgalliger Wurschtigkeit, Vergänglichkeit, Vergeblichkeit von Müh‘ und Plag‘, morbider Lust am Treiben des klappernden Sensenmannes „Quiqui“ oder dem bittersüßen Sich-Suhlen in seufzender Nachdenklichkeit. Aber bitte schön auch wieder nicht zu viel davon. Dafür wiederum ist der Galgenhumor zuständig, den das goldene Wienerherz treulich zu seiner zweiten oder dritten Natur erhoben hat. Lieber Augustin, schau oba.
Natürlich kennt das von volkstümlichen Melodien durchwalkte europäische Kunstlied diesen stimmungstrüben Blick in den eigenen Abgrund, der von Eigenironie übergossen wie der süße Senf zu der nach einer slowenischen Landschaft benannten Käsekrainer passt.
Genau solche kribbeligen Gefühlslagen macht sich der aus einer deutsch-rumänischen Familie stammende Bariton Konstantin Krimmel zu Eigen, wenn er schonungslos durchmixt Lieder von Johannes Brahms denjenigen des rumänischen Tonsetzers Eusebius Mandyczewski an die Seite stellt. Was beiden in der Bekanntheit, kompositorischen Meisterschaft und harmonischen Finesse so ungleichen, wie in ihrer spätromantischen Klangsprache und folkloristischen Inspiration so verwandten Künstlern gar nicht schlecht bekommt.
Denn es geht in Krimmels neuem, in deutscher und rumänischer Sprache gesungenen Album „Mélancolie“ nicht um Bleiernes, sondern klarerweise in erster Linie um die Entdeckung des aus Czernowitz stammenden, in Wien einst auch als Schubert-Forscher, Archivar und Herausgeber erfolgreichen Komponisten Mandyczewski, um Parallelen/Gegensätze im Schaffen von Brahms sowie selbstredend um die Freude an kulinarisch erstklassigen musikalischen Interpretationen.
Konstantin Krimmel und sein Partner am Klavier, Ammiel Bushakevitz, die schon beim Album „Mythos“ die Qualität des gegenseitigen Zupassens und sinnigen Verschränkens von Stimme und Instrumentalpart kultivierten, begnügen sich im neuen Album keineswegs mit ewigen Brahms-Hits wie „Die Mainacht“, „Meerfahrt“, „Feldeinsamkeit“, „Auf dem Kirchhofe“, „Unbewegte laue Luft“ oder „Der Tod, das ist die kühle Nacht“.
Das wäre ja banal. Also gibt es dazu von Brahms deutsch Volksliedhaftes wie „Es war ein Markgraf überm Rhein“ oder Rares wie „Lied aus dem Gedicht Ivan“. Das Programm wird aufgepäppelt durch zwölf Lieder aus den „Cantece romanesci“ op. 7, beginnend mit der Trias „Lăcrimioare“, „La o copiliță“, „O Zi“.
Konstantin Krimmel verdankt die außergewöhnlichen Qualitäten als Liedsänger nicht einem besonders schmelzreichen, samtigen Timbre. Vielmehr entzücken sein unfehlbares wie dynamisch poetisch abgestuftes Legato, Wortdeutlichkeit und Phrasierungskunst. Er vermag es, spielerisch und elastisch frei mit seinem flexiblen lyrischen Bariton umzugehen als auch atmosphärische Nuancen allerfeinst zu kalibrieren. Nicht Über- oder Mikroartikulation und eine übermäßige Emotionalität zeichnen seinen Liedgesang aus, sondern eine überragende stilistische Note, eine angenehme jugendliche Natürlichkeit im Ausdruck sowie eine besonders ausgeprägte Atemtechnik.
Nicht zuletzt ist die Harmonie zu bewundern, mit der dieser vokale Klangdichter sowie der Schubert-affine Pianist Ammiel Bushakevitz sich den musikalischen Kosmos der romantischen Miniaturen und balladesken Dramolette teilen bzw. auf einer höheren Ebene eins werden lassen. Daraus erwachsen eine ästhetische Ungezwungenheit fern jeglicher Beliebigkeit sowie eine narrativ wunderbar konzentrierte Kommunikation mit dem Publikum.
Ein Wort noch zu den heute offenbar unvermeidlichen Konzeptalben: Auf den Covern, ergo im Marketing, reicht ja schon lange nicht mehr die Angabe von Interpreten und Komponisten. Es muss unbedingt ein Überbegriff her, eine thematische Klammer oder verbindende Idee. Das hat zwangsläufig Unschärfen in den vereinfachenden Zuschreibungen zur Folge. Davor ist auch das Album „Mélancolie“ nicht gefeit. Denn etwa „Es schauen die Blumen“ von Johannes Brahms, dessen Ballade „Lied aus dem Gedicht Ivan“ oder die Mehrzahl der Mandyczewski-Weltersteinspielungen haben mit der schwermütigen Passivität melancholischer Seufzer gar nichts am Hut. Es handelt sich dabei vielmehr um typisch romantische Musik unterschiedlichster Farbabmischungen und Stimmungen.
Mein Tipp: Lassen Sie im Zweifel den Titel des in jeglicher Hinsicht exzellenten Albums einfach links liegen und genießen Sie vorurteilsfrei eine der subtilsten und artistisch wertvollsten Liedinterpretationen dieses Jahres auf Tonträgern.
Dr. Ingobert Waltenberger

