CD: MEL BONIS Orchesterwerke – JOSEPH BASTIAN dirigiert das WDR-Sinfonieorchester; cpo

Schon längst ist das Schaffen vor allem französischer Komponistinnen des erweiterten 19. Jahrhunderts nicht zuletzt dank der unermüdlichen Forschungs- und Editionsarbeit von Palazzetto Bru Zane in der Mitte der Aufmerksamkeit klassischer Musikkreise angekommen. Vor allem die 2023 erschienene 8-CD Box „Compositrices“ des Labels Bru Zane markierte einen entscheidenden und geballten Wendepunkt in der Wahrnehmung der Musik von Mel Bonis. Auf einmal war ein breiter Querschnitt der Vielfalt der Kompositionen der französischen Musikerin verfügbar. Dabei setzte die Renaissance des künstlerischen Wirkens von Mel Bonis setzte bereits in den 1980-er Jahren ein, als das Ehepaar Eberhard und Ingrid Mayer sich um die Aufführung und Verbreitung ihrer Musik verdient gemacht hatten.
Seither sind etliche Alben mit Liedern, Klavier- und Kammermusik der Mel Bonis publiziert worden. Aber auch Orchestrales, wie die auf dem vorliegenden Album präsentierten „Trois femmes de légende“ (Le Rêve bzw. Songe de Cléopatre, Ophélie und Salomé), waren bereits in der Interpretation des Orchestre national du Capitole de Toulouse unter Leo Hussain Bestandteil der Bru Zane Box „Compositrices.“
Die Biografie der Mélanie Hélène Bonis ist bemerkenswert. Sie wurde 1858 in Paris in einen streng religiösen, kleinbürgerlichen Haushalt hinein geboren. Wie zahlreiche Kolleginnen mit Talent und Hang zum Komponieren erfahren mussten, waren die gesellschaftlichen Usancen und starren Rollenbilder der Geschlechter den Bestrebungen nach profunder akademischer musikalischer Bildung von Frauen wenig förderlich.
Also blieb der Privatunterricht, den Mel nach einem erfolgreichen Vorspiel bei César Franck genoss. Der berühmte Organist und Lehrer nahm die junge Frau auch in seine Klasse im Pariser Conservatoire auf. Mit 22 Jahren gelang ihr der Sprung in die Kompositionsklasse von Ernest Guiraud, wo sie u.a. gemeinsam mit Ernest Chausson, Gabriel Pierné oder Claude Debussy „die Schulbank drückte“.
Dennoch nahmen ihre Eltern die vielleicht zu talentierte oder einfach in den der Dichtung und dem Gesang zugewandten Studienkollegen Amédée Landley Hettich schwer verliebte Mel vom Konservatorium und zwangsverheirateten sie mit dem 22 Jahre älteren Industriellen Albert Domange, der bereits fünf Söhne aus zwei Ehen hatte. Wie es dieser ambitionierten und disziplinierten Frau in der Lage seelisch erging, das bleibt der freien Phantasie überlassen.
Die nicht nur romantische Liebe zu Hettich sollte sie aber ihr Leben lang begleiten und inspirieren. Nicht ohne Grund sprach Bonis von der „zugleich beängstigenden, quälenden, aber auch beglückenden“ Stimmung, die Musik bei ihr auslöste. Und setzte eindeutig Sehnsucht offenbarend nach: „Die Musik, diese göttliche Sprache, ist Ausdruck aller Schönheit, aller Wahrheit, aller Inbrunst.“
Der positive Aspekt der Sache: Die materielle Absicherung erlaubte es Bonis, sich bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kompositorisch intensiv beschäftigen und das Geschriebene publizieren zu können. 1914 war damit Schluss und Mel Bonis komponierte von da an nur noch für die Schublade.
Auf dem vorliegenden Album sind die meisten der Instrumentalwerke (außer einer „Symphonie burlesque“ und der „Fantasie für Klavier und Orchester“) und drei Orchesterlieder der Mel Bonis zusammengefasst. Außer den bereits erwähnten „Trois femmes de légende“ handelt es sich in der Mehrzahl um Tänze für den Konzertgebrauch, wie die Valse èspagnole, op. 15/3 “Les Gitanos“, die „Suite en forme de valses“, die „Trois dances pour orchestre“, die „Danse sacrée“, op. 36, Nr. 2. Oder die „Danse d’Almée“ aus der ‚Suite orientale‘, op. 48/2.
Besonders berühren (mich) die Orchesterlieder. In der funkelnd lautmalenden, humorig wehmütigen, an Debussy erinnernden Nocturne „Le Chat sur le toit“ (Les Amours du chat), op. 93, Nr. 2 nach Worten von R. Edmond du Costal geht es – hinreißend von der Sopranistin Lydia Teuscher interpretiert – um die nächtlich-schmerzliche Klage eines liebestollen Katers an die ferne Geliebte.
„Noël de la Vierge Marie“, op. 54, Nr. 2 auf einen Text von Madéleine Pape-Carpantier ist eine anrührende ‚Berceuse‘ der Maria für den kleinen Jesus, der Mutter ‚süßes zitterndes Lämmchen‘, von der aus Nantes stammenden Mezzosopranistin Julie Robard-Gendre hingebungsvoll gesungen.
In „Le Ruisseau“, op. 21, Nr. 2 auf ein Gedicht von Mels geliebtem Hettich (mit dem sie eine uneheliche Tochter namens Madeleine hat, in die sich wiederum komplizierterweise Mels Stiefsohn Edouard Domange verliebte) kommen die Damen des WDR Rundfunkchores zum Einsatz.
Natürlich bilden die drei sinfonischen Miniatur-Dichtungen über Cléopatre, Ophélie und Salomé das Hauptinteresse des Albums. In der herrlich schwülstig hochromantischen Tonalität von Vorbildern wie Rimsky-Korsakov, Jules Massenet oder Richard Strauss gehalten, modelliert der französisch schweizerische Dirigent Joseph Bastian mit dem WDR-Sinfonieorchester exotisch buntgewebte Frauenporträts in diaphaner klangbildsprachlicher Erotik und furios theatralischer Bewegtheit.
Aber auch „Les Gitanos“, die „Suite en forme de valses“, die „Suite orientale“, die „Danses pour orchestre“ und die „Danse sacrée“ begeistern in der sorgsamen wie klangsinnlichen Lesart des Joseph Bastian durch ihr fantastisches Kolorit, ihren brokatdurchwirkten Belle Époche-Zauber, ihren tänzerischen Schwung, ihre harfen- und flötengesäumten Träumereien und ihre einschmeichelnde Melodik.
Fazit: Ein hoch willkommenes Album, musikalisch und klangtechnisch uneingeschränkt erfreulich! Ein leuchtender Karfunkelstein in der wachsenden Mel Bonis Diskografie.
Dr. Ingobert Waltenberger

