CD: Megan Kahts – Dopo notte Barockarien für Faustina Bordoni & Giovanni Carestini – Wiener Akademie Orchester; Solo Musica
18.09.2025 |

Die Barockoper hatte ihre Superstars: Faustina Bordoni und Giovanni Carestini gehörten im 18. Jahrhundert dazu – sie als hypervirtuose Primadonna und Ehefrau Johann Adolf Hasses, er als androgyner Kastrat von legendärer Eleganz.Georg Friedrich Händel und Johann Adolf Hasse schrieben ihnen Arien auf den Leib, die bis heute zu den schwierigsten des Repertoires gehören. Die südafrikanische Mezzosopranistin Megan Kahts stellt sich auf ihrem neuen Album „dopo Notte“ gleich einer doppelten Herausforderung und präsentiert eine Einspielung, die historische Authentizität und zeitgenössische Ausdruckskraft auf faszinierende Weise verbindet.
Das Konzept der Aufnahme, realisiert in hellwacher Zuammenarbeit mit dem Wiener Akademie Orchester, erweist sich als ebenso intelligent wie reizvoll: Anstatt sich in willkürlich zusammengestellten Arienkollektionen zu verzetteln, wählt Kahts die Interpretenleistung ihrer beiden ungleichen historischen Vorbilder als dramaturgischen roten Faden. Ein sinnvoller Ansatz, da die Beziehung zwischen Interpret und Komponist im Barockzeitalter symbiotisch war – die Musik entstand in direkter Auseinandersetzung mit den spezifischen stimmlichen und darstellerischen Fähigkeiten der Sänger.
Die acht ausgewählten Arien durchmessen das ganze Drama menschlicher Leidenschaften: Verrat und Rache, zerrissene Liebe und trotzige Selbstbehauptung. Von Didos nächtlicher Klage bis zu Ruggieros süßer Verführung bilden Naturmetaphern die emotionale Farbpalette ab, wo auf tiefstes Dunkel stets der Weg ins Licht folgt. Diese Dramaturgie gibt dem Album dann ach seinen Titel und seine innere Logik.
In Händels Titelarie „Dopo notte, atra e funesta“ aus „Ariodante“ – ursprünglich für Carestini komponiert – entfaltet Kahts eine getragene Innigkeit, die sich bis zu schwerem Ernst steigert. Ihre Interpretation durchleuchtet die elegische Mollcharakteristik mit einer Wärme, die das Original kontrastiert, ohne dessen dramatische Wucht zu schmälern. Bei „Quanto è felice quell’augelletto“ taugen ihre grazilen Koloraturen, um die poetische Metaphorik sinnlich erfahrbar machen.
Auch die Hasse-Arien werden zu intimen Charakterstudien einer Künstlerin, die Virtuosität konsequent dem dramatischen Ausdruck unterordnet. Auch in „Ti lascio in ceppi avvinto“ aus „Arminio“ wächste eine aussdrucksstarke Selbstbehauptung weit über bloße Stimmakrobatik hinaus. Jede Verzierung wird bedeutungstragend, jeder Triller zum Ausdruck seelischer Bewegung. In „Vo disperato a morte“ aus Hasses „Cleofide“ – hier entfaltet sich eine fast erschütternde Bandbreite zwischen verzweifelter Selbstanklage und heroischer Todesverachtung.
Kahts wechselt mühelos zwischen beiden Ausdruckswelten der frühen weiblichen Operndiva und des gefeierten Kastratensängers – und bleibt dabei auf bemerkenswerte Weise sich selber treu: Anstatt ihre weibliche Identität zu verstecken oder zu neutralisieren, entwickelt sie eine feminine Interpretation, die den ursprünglich androgynen Carestini-Partien neue Dimensionen erschließt. Ihre Stimme wird zum vermittelnen Medium, das die Geschlechtergrenzen der Barockoper bricht und neu zusammenfügt.
Jeremy Joseph am Cembalo und das Orchester der Wiener Akademie agieren als sensible Partner in diesem subtilen interpretatorischen Wagnis. Das auf Originalinstrumenten musizierende Ensemble zeichnet sich durch transparente Klangkultur aus, in der jede Stimme ihre Berechtigung behält, ohne das Gesamtgefüge zu stören. Die Streicher entwickeln jenen seidigen, nie aufdringlichen Glanz, der die Singstimme umschmeichelt, ohne sie zu überdecken. So gelingt die Balance zwischen solistischer Autonomie und orchestraler Begleitung mit tiefem Verständnis für barocke Aufführungspraxis.
„DOPO NOTTE“ demonstriert exemplarisch, wie sich historische Verantwortung und künstlerische Vitalität verbinden lassen. Gelungener lässt sich die Brücke zwischen damals und heute kaum schlagen.
Stefan Pieper

