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CD MAX REGER: KLAVIERKONZERT – MARKUS BECKER, NDR Radiophilharmonie

Live-Mitschnitt aus dem Großen Sendesaal des NDR Hannover 2017

02.02.2019 | cd

CD MAX REGER: KLAVIERKONZERT – MARKUS BECKER, NDR Radiophilharmonie

Live-Mitschnitt aus dem Großen Sendesaal des NDR Hannover 2017

 

Achtung, lehnen Sie sich nicht allzu bequem zurück, es geht gleich richtig zur Sache: Das Allegro moderato ist alles, nur nicht moderat, schon gar nicht das Tempo. Da stürmen und drängen auf den Hörer maßlos aufgetürmte Notenberge ein. Wir erleben einen musikalischen Ozean im schäumenden Aufruhr und sind Zeugen eines titanischen Kräftemessens zwischen dem Klavier und einem aus allen Fugen geratenen Riesen-Orchesterapparat.  

 

Pianist Markus Becker, ein ausgewiesener Reger-Kenner (er hat alle Werke des Komponisten für Klavier für das Label Thorofon eingespielt) und Dirigent Joshua Weilerstein haben sich alle Mühe gegeben, in der Hitze des Gefechts kühlen Kopf zu bewahren und für eine beeindruckend gelungene Klangbalance mit der bravourös aufspielenden NDR Radiophilharmonie zu sorgen. Becker hat eine nachvollziehbare Erklärung für den widerborstigen Stil Regers parat: „ Vielleicht hat er in der Masse der Töne und in den Extremen Schutz gesucht, wie in einer Rüstung: komm mir nicht zu nahe! Wenn man sich ihm aber trotzdem nähert und anfängt, die Musik zu enträtseln, kommt man in eine fantastische Klangwelt.“

 

Max Reger hat sich in diesem nach Ausdruck gierenden Klavierkonzert in f-Moll – wir schreiben 1910 – obsessiv und rauschhaft alle Strömungen der Spätromantik zu Eigen gemacht, Tradition und Moderne (Brahms, Liszt, Stravinsky und die Radikalität Prokofievs ahnend) durch den Fleischwolf  gedreht und seine eigenen Häppchen daraus geformt. Das Ergebnis ist ein beinahe zwanghaft dichter Satz, ein verstricktes Ineinander der Stimmen, die unvermutet vom chaotisch scheinenden Muskelspiel in eine ganz lyrische Gegenwelt tauchen können. Da klingt es wiederum impressionistisch verträumt, empfindsam und irgendwie händeringend trostsuchend, wie im wunderbaren 2. Satz „Largo con gran espressione“. 

 

Freilich scheint das kontemplative Intermezzo nur als Ruhepol zu dienen, bevor im finalen „Allegretto con spiritio“ noch einmal das gesamte Arsenal an orchestralen Geschützen aufgefahren wird, bunt schillernde instrumentale Farbraketen gezündet werden und das in äußerste Not um seine Existenz spielende Klavier noch einmal auf hoher See die steilsten Wellengipfel und -täler durchmessen muss. Der erlösende Applaus im sicheren Hafen des Konzertsaals oder zu Hause lässt einen ob der stupenden Qualität des Gehörten staunenden und ob der schonungslosen Intensität und Schönheit erschlagenen Hörer zurück. 

 

Als ruhigeren Ausklang der CD und atmosphärischen Kontrast zum Klavierkonzert hat Markus Becker die ersten fünf (von acht) Sätze aus den ebenso 1910 entstandenen Episoden Op. 115 für Klavier solo gewählt. Wir erleben zwanzig Minuten an delikatester Klavierkunst. Es handelt sich um melancholisch grundierte Lieder ohne Worte, erzählungsfreudige Juwelen, wo der Pianist mit einem imaginären Dritten im intimen Gespräch zu sein scheint.  Wie fragil diese wiederum aus bildhaften Miniaturen bestehenden Sätze wirken, wie intensiv sie das originäre Genie eines gewaltig unterschätzten Komponisten leuchten lassen. 

 

Eine CD, die die „Spiel- und Hörgewohnheiten“, wie es Markus Becker nennt, durcheinanderbringt. Es lohnt, sich darauf einzulassen. Musik voller glühender Passion und faszinierender Widersprüche, ganz als ob sie ein klingender Spiegel des Heute wäre.

 

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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