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CD MATTHEW LOCKE „PSYCHE“ – Ensemble Correspondances; harmonia mundi

Erste erhaltene englischsprachige Oper der Musikgeschichte in einer rekonstruierten Fassung von Sébastien Daucé

08.10.2022 | cd

CD MATTHEW LOCKE „PSYCHE“ – Ensemble Correspondances; harmonia mundi

Erste erhaltene englischsprachige Oper der Musikgeschichte in einer rekonstruierten Fassung von Sébastien Daucé

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La Fontaine schrieb ein derart bewegendes Drama des auf Lucius Apuleius zurückgehenden Mythos der Liebe von Psyché und Cupido, dass sogar König Ludwig XIV. darauf aufmerksam wurde. Vom Gespann Molière, Quinault, Corneille und Lully forderte er also eine Oper ein. Das Ergebnis war die Tragédie-Ballet „Psyché“ aus 1671. Hunderte Künstler und ein riesiger Bühnenapparat waren für die Aufführung aufgeboten, die Kosten sollen enorm gewesen sein. Die Fama des Spektakels drang über den Kanal bis nach London, wo König Charles II. nicht hinter seinem Cousin Ludwig in Sachen höfischem Glanz zurückstehen wollte. Also orderte er die erste englischsprachige Oper beim Satiriker und Komödiendichter Thomas Shadwell (Libretto), Matthew Locke und Giovanni Battista Draghi sollten die Musik dazu liefern. „Psyché“ besteht aus gesprochenen und gesungenen Teilen, Balletten und Pantomimen.

Das Libretto und die Partitur wurden 1675 veröffentlicht, letztere enthielt jedoch leider nur die Musik von Matthew Locke, die rein instrumentalen Passagen von Draghi gingen unwiderruflich verloren. Also entschloss sich Dirigent Sébastien Daucé dazu, die fehlende Instrumentalmusik mit den Kompositionen des Matthew Locke für Violenconsort als auch einer in New York befindlichen handschriftlichen Sammlung („The Rare Theatrical“) mit Dutzenden von Tänzen, geschrieben für das englische Theater des ausgehenden 17. Jahrhunderts, aufzufüllen. Die auf der neuen Einspielung zu hörende Fassung enthält somit mehr Musik von Matthew Locke als in der ursprünglichen Oper vorgesehen. Auch nicht schlecht, immerhin war die kreative Kraft Lockes eine inspirierende Quelle für nachkommende Genies wie Blow und Purcell.

Die Handlung rund um die Liebe der schönen Prinzessin und dem Gott der Liebe nachzuerzählen, spare ich mir, denn in den fünf Akten tummeln sich Götter, Halbgötter, Menschlein, Zyklopen, Furien, Dämonen, Teufelchen, Mänaden und Ägipane. Nur kurz: Unter allerlei Fährnissen, darunter die Eifersucht von Göttern, der bösen Schwiegermutter Venus, nach Reisen vom Himmel in die Hölle und wieder retour wird Psyché in den Rang der Götter erhoben und kann so endlich mit ihrem divine lover vereint sein. Die alle Grenzen überschreitende Liebe, die Verwüstungen der Eifersucht und die tragischen Konsequenzen der Wissbegier bilden den universellen Hintergrund der pittoresken Handlung.

Passend zum Zeitgeist war all dies: Es ging schließlich um die Show und nichts als die Bühnenshow, ein wenig auch um spektakuläre und abwechslungsreiche Musikeinlagen. Im Londoner Dorset Garden hat man beim Dekor, den Kostümen und der Bühnentechnik keine Kosten und Mühen gescheut, damit die englische Restauration auch künstlerisch sein ewiges Emblem bekam.

Musikalisch orientierte man sich in England mehr an Frankreich als an Italien. Was die englische Version von derjenigen des Lully grundsätzlich unterscheidet, ist die Aufnahme grotesker Szenen in die Handlung, wodurch das Tragische mit dem Komischen eng amalgamiert wurde. Shadwell rühmt sich im Vorwort, dass er sich weniger um den Geist oder die Vielgestalt des Textes bekümmerte, als um Verse, die sich gut von den Solisten oder dem Chor singen lassen.

Ein weiteres Markenzeichen von Lockes „Psyché“ ist der ungeheure Reichtum der Formen (Balladen, Chansons, Arien, Fugen, Kanons, Rezitative und chromatisches Beiwerk) und der Instrumentierung. Neben Violinen, Bratschen, Viola da Gamba, Flöten, Oboen, Fagott, Kornett und Dudelsack kommen Laute, Theorbe, Harfe, Cembalo, Orgel und ein vielfältiges Schlagzeug zum Einsatz.

Der 50-jährige, exzentrische Locke war am Zenit seiner Laufbahn und der musikalischen Invention, als er „Psyché“ schrieb. Da die gesungenen Teile des Stücks nur den übernatürlichen Sphären, den allegorischen und mythologischen Figuren vorbehalten blieb, haben wir es zudem mit einer seltsamen Oper zu tun, in der die Titelfigur selbst, ihr Vater und die Prinzen kein einziges Wort singen dürfen.

Insgesamt bietet Lockes „Psyche“ in der vorliegenden Fassung ein höchst kurzweiliges und anregendes Opernvergnügen. Das Ensemble Correspondances unter Sébastien Daucé und eine illustre, stets stilsichere Sängerschar (Lucile Richardot, Renaud Bres, Caroline Weynants, Caroline Bardot, Nicolas Brooymans, Deborah Cachet, Marc Mauillon, Antonin Rondepierre, Étienne Bazola, David Tricou, Paul-Antoine Bénos-Dijan und Liselot de Wilde) geben mit Hingabe und expressiver Deklamation einen lebendigen und höchst bunten Eindruck davon, wie das damals hätte gewesen sein können.

Eine unbedingte Empfehlung. Besser und abwechslungsreicher habe ich Barockoper auf Tonträger selten erlebt. Die Tonqualität genügt allerhöchsten audiophilen Ansprüchen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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