CD: Mathilde Kralik von Meyrswalden Hymnische Symphonie. Female Symphonic Orchestra Austria Silvia Spinnato, Klaviertrio F-Dur Gramola 99324
Späte Gerechtigkeit für eine Vergessene – Mathilde Kralik von Meyrswalden

Es war tatsächlich ein ganz besonderer Moment: Als das Female Symphonic Orchestra Austria (FSOA) im September 2021 beim Internationalen Brucknerfest Linz Mathilde Kralik von Meyrswaldens „Hymnische Symphonie“ erstmals zur Aufführung brachte, erklang ein Werk, das mehr als acht Jahrzehnte auf seine Stimme hatte warten müssen. Publikum und Presse reagierten begeistert, die Oberösterreichischen Nachrichten sprachen von einer „sensationellen symphonischen Wiederentdeckung“. Nun liegt dieser Konzertmitschnitt gemeinsam mit dem frühen Klaviertrio F-Dur als Weltersteinspielung vor – ein bedeutender Beitrag zur Repertoireerweiterung jenseits des Koventionellen.
Mathilde Kralik von Meyrswalden (1857–1944), Linzerin von Geburt, Wienerin aus Überzeugung, war alles andere als eine Randfigur ihrer Zeit. Sie studierte bei Anton Bruckner, Franz Krenn und Julius Epstein, teilte sich einen ersten Preis mit Gustav Mahler, erhielt Anerkennung von Eduard Hanslick und begegnete Franz Liszt, der ihr nach dem Vortrag eines eigens für ihn komponierten Festmarschs einen legendären „Weihekuss“ auf die Stirn drückte. Und doch geriet sie nach ihrem Tod fast vollständig in Vergessenheit. Ihre Lieder waren beliebt, ihre Kammermusik respektiert, ihre Opern und Oratorien hatten begrenzten Erfolg – die wenigen groß besetzten Orchesterwerke verschwanden hingegen nahezu vollständig in der Schublade.
Die Symphonie in f-Moll, 1903 zunächst als „Rhapsodie“ konzipiert und 1942 von der hochbetagten Komponistin tiefgreifend revidiert, ist ein Werk von beeindruckender Dimension. Mit großem spätromantischem Apparat, einschließlich Orgel, bewegt sie sich bewusst im Fahrwasser Bruckners, ohne zur Epigonie zu werden. Der erste Satz („Ziemlich bewegt – Rhapsodisch“) entfaltet aus knappen Motiven eine ernste, erzählerische Klangwelt, in der sich tänzerische Episoden und mahlersche Zwielichter berühren. Harte Paukenschläge und dann ratlos tönende Holzbläser lassen den Satz fragend ausklingen.
Das weitgespannte Adagio lebt von fein gezeichneten Holzbläseridyllen und schwelgerischen Streicherkantilenen, ehe eine überraschend strenge, beinahe neobarocke Textur das Geschehen bündelt. Türmende Bläserakkorde und dann ein Beckenschlag von symbolischer Wucht erinnern unweigerlich an Bruckners Siebte.
Das Scherzo („Sehr rasch“) zeigt eine andere Seite: federnd, rhythmisch pointiert, mit leicht böhmischem Kolorit, während das Trio mit ruhigerem Gestus und einer melodischen Wendung aufwartet, die ebenso gut aus einem Konzertwalzer von Strauss stammen könnte.
Im Finale kulminiert alles in einer ekstatischen Hymne. Das hier erstmals hinzukomponierte Sopransolo auf einen Text der Komponistin selbst ist in seiner Anlage problematisch, aber wirkungsvoll: hoch liegend, massiv orchestriert, eigentlich nur mit Verstärkung realisierbar. Jacquelyn Wagner meistert diese heikle Partie mit klarer Artikulation, warmer Sopranfarbe und hörbarer Hingabe. Sie schwebt gleichsam über dem Orchester, das sich unter Beteiligung der Orgel zu einem lichtdurchfluteten Schluss steigert. Ein kurzweiliges, schwelgerisches Werk, dem viele Aufführungen vergönnt sein mögen.
Das Female Symphonic Orchestra Austria unter der engagierten Leitung von Silvia Spinnato schlägt sich in dieser anspruchsvollen Partitur wacker. Der Gesamtklang ist volltönend und leidenschaftlich, die Holzbläser erzählen plastisch, die Streicher tragen lange Bögen. In den großen Fortissimo-Steigerungen wünschte man sich stellenweise noch mehr Durchschlagskraft, doch bleibt der Eindruck einer respektablen und ernsthaften Bewältigung dieses komplexen Werks. Der hörbare Jubel des Publikums am Ende der Liveaufnahme ist nachvollziehbar.
Einen reizvollen Kontrapunkt bildet das frühe Klaviertrio in F-Dur von 1880. Hier zeigt sich Kralik als selbstbewusste Kammermusikkomponistin mit Sinn für Balance und Form. Der feurig bewegte Kopfsatz ist frisch und blühend, der langsame Satz besticht durch seinen Melodienreichtum und eine kontemplative Grundhaltung, das kurze Scherzo ist eine echte Tour de Force, bevor das Finale in freier Rondoform noch einmal alle thematischen Fäden zusammenführt. Das Trio Bednarczyk, Hernandez Carcamo und Rapyan spielt engagiert, transparent und mit spürbarer Lust an der Sache.
Diese CD ist mehr als eine musikhistorische Korrektur. Sie zeigt eine Komponistin, die im alten Österreich verwurzelt war, Einflüsse eigenständig weiterdachte und eine unverwechselbare Stimme entwickelte. Dass Mathilde Kralik von Meyrswalden nun endlich auch auf Tonträger präsent ist, verdankt sich dem beharrlichen Engagement des FSOA – und ist ein Gewinn für alle, die das spätromantische Repertoire neu hören wollen.
Dirk Schauß, im Februar 2025
Mathilde Kralik von Meyrswalden
Hymnische Symphonie
Jacquelyn Wagner, Sopran
Female Symphonic Orchestra Austria
Silvia Spinnato, musikalische Leitung
Klaviertrio F-Dur
Chanelle Bednarczyk, Violine
Alba Hernández Cárcamo, Cello
Heghine Rapyan, Klavier
Gramola 99324

