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CD: MARINA VIOTTI „PRIME DONNE“ – Arien von Vivaldi, Porpora, Porta; Château de Versailles Spectacles

05.01.2026 | cd

CD MARINA VIOTTI „PRIME DONNE“ – Arien von Vivaldi, Porpora, Porta; Château de Versailles Spectacles

vio

In der Zeit der beginnenden Aufklärung im 18. Jahrhundert begann in der Welt des Theaters inkl. des Musiktheaters zaghaft der Gedanke zu greifen, welch wundervolle Beiträge von Frauen, insbesondere Sängerinnen und Darstellerinnen des ernst bis komisch-virtuosen Fachs, zu erwarten seien. Immer wichtigere Funktionen eröffneten sich im Laufe der Zeit, wiewohl manch kirchenmusikalische Restriktionen sich erst im 20. Jahrhundert lockerten. Dennoch gab es auch in der Barockzeit schon Ausnahmen. So etwa in Venedig, wo es weiblichen Interpretinnen durchaus erlaubt war, geistliche Musik in öffentlichen Konzerten darzubieten. Was wiederum den Musik- und allgemeinen Tourismus in Venedig gehörig ankurbelte, weil man solche raren und exzeptionellen künstlerischen Momente unbedingt erleben wollte.

In dieser Logik zollt das vorliegende Album vorrangig Tribut an hervorragende Musikerinnen, Interpretinnen liturgischer und paraliturgischer Provenienz im Venedig des frühen 18. Jahrhunderts.

In den außerordentlichen Arienreigen aus Vivaldis Oratorium „Juditha triumphans“ und dem Salve Regina in F-Dur von Porpora mischt sich auch das Violinkonzert in h-Moll, RV 387 von Antonio Vivaldi. Von letzterem sind auf dem Album auch die Motetten „Ascende laeta“, RV 635, und „Canta in prato, ride in monte“, RV 636, zu hören. Als Abschluss des Programms erklingt die Motette „Volate Gente“ von Giovanni Porta.

Begleitet vom lichtdurchflutet aufspielenden Orchestre de l’Opéra Royal unter der musikalischen Leitung des Geigers Andrés Gabetta singt diesmal eine veritable Diva dieses dramatische, gotteslobende bis einschmeichelnd elegische Programm. Bei allen Verdiensten, die in den letzten Jahrzehnten Countertenören in der Entdeckung und Verbreitung barock freudvoller vokaler Juwelen zukommen, ist es erneut eine beseligende Erfahrung, dieses Repertoire wieder von einem saftigen und üppig orgelnden Mezzosopran gesungen zu hören.

Die schweizerisch französische Künstlerin Marina Viotti, Vokalistin und als Instrumentalistin fit auf der Querflöte, Schwester des Dirigenten Lorenzo Viotti, dürfte einem breiteren Publikum durch ihre Mitwirkung bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2024 in Paris am 26. Juli 2024, u.a. mit der Arie L’amour est un oiseau rebelle‘ aus „Carmen“ ein Begriff sein.

Das so Besondere an der vielseitigen Musikerin von Klassik, Barock, Jazz und Cabaret bis zu Metal mit der samten schimmernden Mittellage in der edlen Textur von fuchsiafarbenem Organza, den stets feminin anmutigen tiefen Registern, liegt in einer tadellosen Gesangstechnik und deren stilkundigen Einsatz. Die erlaubt es der Sängerin, hoch präzise und doch entspannt locker die verzierungsreichen Gesangslinien mit schwebender Natürlichkeit zu gestalten. Dabei versteht Marina Viotti alle vokalen Schnörkel und Koloraturen immer als Teil eines größeren Bogens. Ihre hohe Phrasierungskunst steht stets in Diensten einer spielerischen Expression, eines ausnahmslos eleganten Ausdrucksspektrums, ohne Outrieren oder gar Karikieren.

So bietet dieses Album vom ersten bis zum letzten Ton ein Hörvergnügen ersten Ranges. Das himmeljauchzende ‚Alleluja‘ von Porta steht als jubelnder Marker für das gesamte Album. Großartig!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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