Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD MARIN MARAIS „ARIANE ET BACCHUS“ – Tragédie en musique aus 1696 –

Mitschnitt einer konzertanten Aufführung im Théâtre des Champs Elysées 2022; Château der Versailles Spectacles

10.04.2023 | cd

CD MARIN MARAIS „ARIANE ET BACCHUS“ – Tragédie en musique aus 1696 – Mitschnitt einer konzertanten Aufführung im Théâtre des Champs Elysées 2022; Château der Versailles Spectacles

ari

Dank Alain Corneaus Film „Tous les Matins du monde“ mit Gerard Dépardieu als Gambist Monsieur de Sainte-Colombe ist Marin Marais einem breiteren Publikum als Schüler des Saint-Colombe und erfolgreicher Musiker am Hofe Ludwig XIV. bekannt geworden. Dépardieus Sohn Giullaume spielte im Film ganz hinreißend den jungen Marin Marais, der seinen Meister in der Kunst des Gambenspiels bald übertreffen sollte. Á propos Kino: Marais‘ „La Sonnière De Geneviève Du Mont de Paris“ kam im Soundtrack des Films „Liquid Sky“ in den 80-er Jahren zu filmmusikalischen Ehren.

Lully schätze den jungen hochbegabten Marais so sehr, dass er ihn in der Continuo-Gruppe seiner großen Opern haben wollte. 1676 kam Marais als Gambist an die Académie royale de Musique, 1686 erfolgte das Debüt als Opernkomponist. Marais‘ Wirken überzeugte den König: 1705 wurde er als Nachfolger André Campras zum Leiter des Orchesters der Académie royale de musique ernannt. Zwischen all der Arbeit hatte Marais wie sein Kollege J.S. Bach noch hinreichend Zeit, um viele Kinder (19) zu zeugen, von denen Roland und Vincent ebenfalls bedeutende Musiker wurden.

Als sogenannter „Traditionalist“ stellte sich Marais vehement gegen den italienischen Stil eines Stradella. Scarlatti, Corelli, wiewohl er gerade bei seiner Oper „Ariane et Bacchus“ alle Register des damals angewandten kompositorischen Vokabulars zog. Marais‘ Opern verfolgten strikt den von Lully, seinem Lehrmeister, eingeschlagenen Weg. Das warenbder französischen Prosodie folgende Gesangslinien, melodische Rezitative, keine exzentrische Harmonik, Rezitative und Arien in einer durchkomponierten Art und Weise ineinander verflochten, dazu repräsentative Chöre und prachtvolle Tänze (Bourree, Gigue, Rondeau, Chaconne). Zur höheren Ehre des Monarchen krachen da schon mal gehörig Trompeten und Pauken.

Die Handlung der Oper „Ariane et Bacchus“ folgt dem Libretto von Saint-Jean, basierend auf der Tragödie „Ariane“ von Thomas Corneille und der heroischen Komödie „Les Amours ou le mariage de Bacchus et d’Ariane“ von Jean Donneau de Visé. Als Hybrid, der sich nicht zwischen Tragödie und Komödie entscheiden kann, trifft diese Gemengelage die Geschichte der von Thésée verlassenen Frau besser als ein allzu schwerer Tragödienton. Das wussten auch Richard Strauss und Hofmannsthal, als sie der zu Tode betrübt trauernden Ariadne schlichtweg eine Harlekingruppe rund um die lebensfroh, keinem Abenteuer abgeneigte Zerbinetta verpassten.

Als sich Ariane im zweiten Akt am Hafen das Leben nehmen möchte, schwebt Amor herab und verkündet, dass sie von Bacchus geliebt werde. Als zweiter Verehrer outet sich Adraste, der Dircé versprochen ist. Als sich Ariane und Bacchus ihrer Liebe versichern, ist der ungalante Konkurrent Adraste sofort ideenreich zur Stelle. Mithilfe von Géralde soll Furie Alecto Arianes Eifersucht anstacheln. Unsere auf einmal wenig zimperliche Heroine will jetzt Bacchus töten, bevor sie die Waffe gegen sich selbst richtet. Final macht Bacchus Adraste kalt, Ariane wird von Merkur von ihrer mörderischen Eifersucht geheilt, und des Titelheldenpaars Liebe sogar von Jupiter und Juno geweiht.

Hervé Niquet zeigt mit allen Finessen und einer minutiösen Rekonstruktion in Besetzung und Aufstellung des Orchesters der Pariser Oper um 1700, dass sich historische Informiertheit und eine lebendige Interpretation nicht ausschließen. Die kleine Continuogruppe wurde den damaligen Gepflogenheiten gemäß eingerichtet: zwei Soloviolinen für Ritornelle und dreistimmige Begleitungen, ein Cembalo, zwei Theorben, zwei Gamben und zwei Violonbässe für Rezitative und Vokalstücke. Die Gamben werden auch als polyphone Instrumente eingesetzt. Das Schlagzeug, das damals von den Tänzern auf der Bühne gespielt wurde, ist auf einige charakteristische Passagen beschränkt.

Die Musik des Marin Marais erinnert mich an barocke Kathedralen und Prunkbauten. Der Ideenreichtum im Detail ist unendlich. Spektakuläre Effekte und allerlei Zierrat werden beweglich und geschmeidig in Szene gesetzt, die Affekte sinnlich und genießerisch in Form gebracht. Virtuoses Gepränge, ein ständiger Perspektiven- und damit Taktwechsel, ein froh-lebensbejahender Unterton auch im Tragischen, der luftige Schein triumphiert über jegliche Erdenschwere. Für mich sind die Spitzenschöpfungen des barocken Musiktheaters – und dazu zählt diese „Ariane et Bacchus„ zweifelsohne – so etwas wie die Vorläufer Hollywoods und Netflix&Co. Keine Kosten scheuende, auf Überwältigung, Action oder Witz bauende Unterhaltung, Tempo, einfallsreiche „Kameraführung“ und dramaturgischer Aufbau, und all das in Endlosschleife. Seien wir ehrlich, wer schon 30–50 „Toscas“, „Walküren“, „Carmens“ etc gehört, gesehen und/oder inkl. all den piratisch erbeuteten „Lives“ in den Regalen hortet, hat eine Erfrischung dringend nötig. Da bieten sich heute eine große Anzahl hervorragend musizierter Aufnahmen an. Welcher Melomane kann schon widerstehen, wenn Namen wie Judith van Wanroij, Marie Perbost, Helene Carpentier, Veronique Gens, Mathias Vidal, David Tricou oder David Witzcak fallen?

Hören Sie selbst!

Trailer https://www.youtube.com/watch?v=f1JXhZYfSq8

Interview mit Hervé Niquet https://www.youtube.com/watch?v=1tNaksoSOI0

Judith van Wanroij  Ariane
Véronique Gens  Junon, La Nymphe de la Seine
Mathias Vidal  Bacchus, Un Songe
Hélène Carpentier  Terpsichore, Dircée, Un Songe
Marie Perbost  La Gloire, Corcine
Matthieu Lecroart  Géralde, Jupiter
David Witczak  Adraste
Tomislav Lavoie  Le Roi, Un Sacrificateur
Philippe Estèphe  Pan, Le Deuxième matelot, Lycas, Phobétor, Phantase, Alecton
Marine Lafdal-Franc  L’Amour, Elise, La Naxienne
David Tricou  Un Plaisir, Un Suivant du Roi, Le Premier matelot, Mercure

Hervé Niquet  Dirigent
Orchestre et Chœur Le Concert Spirituel
Les Chantres du Centre de Musique Baroque de Versailles  Leitung: Fabien Armengaud

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken