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CD MARIN MARAIS „ALCIONE“ Weltersteinspielung, live Aufnahme aus der Opéra Comique Paris 2017; AliaVox

Was für eine tolle Oper dieses “George Gershwin des Barock”!

14.11.2020 | cd

CD MARIN MARAIS „ALCIONE“ Weltersteinspielung, live Aufnahme aus der Opéra Comique Paris 2017; AliaVox

 

Was für eine tolle Oper dieses “George Gershwin des Barock”!

 

Diese letzte große Tragédie Lyrique in einem Prolog und fünf Akten aus der Regierungszeit Ludwigs XIV. ist nichts weniger als ein unerhörter Geniestreich am Abend barocker repräsentativer Selbstinszenierung und den Morgenstrahlen empfindsamerer Moden. 1706 im Théâtre du Palais-Royal uraufgeführt, erfuhr diese Oper sechs Wiederaufnahmen bzw. Neueinführungen bis 1771. Natürlich wurden da oder dort Adaptierungen vorgenommen oder gekürzt, nur das Matrosenfest und der lautmalerisch beeindruckende Sturm blieben als Publikumshits kassenfüllende Konstanten. Dann war Schluss, bis Jordi Savall die Oper 2017 szenisch an der Opéra Comique Paris wiederbelebte. Aus dieser Aufführungsserie stammt der vorliegende Mitschnitt.

 

Der katalanische Guru Alter Musik Jordi Savall hat schon einmal die Instrumentalsuite aus „Alcione“ aufgenommen. Das war 1991, nach der Einspielung der Filmmusik zu „Tous les matins du monde“. Der harmonische Erfindungsreichtum, die Melancholie, die unnachahmlichen Gesänge und die populäre Inspiration machen Marais für Savall zum George Gershwin des Barock. Nichts ist höfisch gestelzt, alles im Dienste der Natürlichkeit und Ausdruckskraft. „Die Menschlichkeit, die Zartheit und die Emotion, die Marais mit jedem seiner Zuhörer teilen wollte, lassen sich sowohl in dem unbedeutendsten seiner Instrumentalstücke als auch in diesem Meisterwerk ,Alcione‘ finden“, resümiert Savall seine Begeisterung für Komponist und Werk. Die besondere Qualität der Oper resultiert daher, dass Marais für jeden Akt eine  spezifische Stimmung kreierte. 

 

Savall verwendet eine selbst erstellte Mischfassung. Er wollte die Gesamtheit der im Laufe der Jahre entstandenen Partituren nutzen, um keine Tänze oder Szenen nach 1706 zu vernachlässigen und um die Reifung des Werks zu demonstrieren. Auch in sängerischer Hinsicht ist Jordi Savall höchst anspruchsvoll: „Zunächst müssen sie eine Stimme haben, die eine instrumentelle Beherrschung zeigt und jedes Ornament umsetzen kann – son filé (gesponnener Ton), son gonflé (crescendo und decrescendo auf einer einzigen Note), son jeté (Kadenztriller) und Vibrato – genau so wie der Geigenspieler auf seinem Bogen. Denn im Barockgesang erfüllt das Stimmornament keine schmückende Funktion, sondern eine Funktion des Ausdrucks, die den Leidenschaften eine höhere Dimension verleihen soll. Außerdem müssen die Sänger dem poetischen Deklamieren den Vorrang geben.“

 

Dass von der erwählten Besetzung allesamt dazu in der Lage sind, ist ein weiterer Glücksfall dieses Albums. Besonders die drei wichtigsten Protagonisten der Oper, Lea Desandre mit apartem lyrischem Sopran (Alcione), Cyril Auvity als der beste Tenor überhaupt für dieses Fach (Keux) und der Bariton Marc Mauillon (Peleus) erzählen spannend und emphatisch die Geschichte von Keux, der Alcione, die Tochter des über die Winde herrschenden Aiolos heiraten will. Aber da gibt es Hindernisse: Des Königs bester Freund Peleus ist ebenfalls in Alcione verliebt. Außerdem wollen der Zauberer Phorbas (Lisandro Abadie) und die Zauberin Ismene (Hasnaa Bennani) aus Machtgründen die Verbindung verhindern. Also legen die Furien das Palais in Flammen aufgehen, genau in dem Moment, wo der Hohepriester (Antonio Abete) mit der Hochzeitszeremonien beginnen will. Um seine  Braut nicht zu verlieren, lässt König Keux die Segel nach Claros setzen, um Apollo um Hilfe zu bitten. Alcione träumt davon, dass ihr Geliebter und die Besatzung des Schiffs in einem Sturm untergehen. Vom Leid Alciones gerührt, gesteht Peleus seine Intrige und bittet sie, ihn mit dem Schwert zu töten. Im letzten Moment erscheint Eosphoros, der Vater des Keux und kündigt die Rückkehr seines Sohnes an. Alcione findet Keux tot am Boden liegen und begeht Selbstmord. Gerührt von solch riesengroßer Liebe erweckt Neptun (Antonio Abete) beide wieder zum Leben und verleiht ihnen und ihren Nachkommen die Gabe, Stürme zu besänftigen.  

 

Marin Marais ist vor allem als Gambist bekannt. Einem breiteren Publikum wird diese schillernde Persönlichkeit des frz. Hochbarock durch den Film “Die siebente Saite” von Alain Corneau mit Vater und Sohn Depardieu in der Rolle des alten und jungen Marais erinnerlich sein. Ludwig XIV. schätzte ihn, aber auch Jean-Baptiste Lully vertraute ihm einen führende Position im Orchester der Académie Royale de Musique als Solist des petit coeur an. Später wurde er zum batteur de mesure (Dirigent) des Orchesters ernannt. Als Hommage an den großen Lully dürfen in der Oper auch die Eröffnung, die vielen Tänze wie Giguen, Sarabanden, Passepieds, Menuette oder Chaconne, die pastorale Stimmung des Prologs, eine bestimmter populärer Duft im Matrosenmarsch, aber auch einige Inspirationen aus Lullys Opern gelten. 

 

Musikhistorisch bringt Jérôme de La Gorce die Bedeutung der Oper folgendermaßen auf den Punkt: “Die großen Innovationen finde sich im Orchester. Während Lully nach Klangfarben komponierte und es verstand, die Solisten hervorzuheben, ging Marais noch weiter und huldigte den Qualitäten jedes einzelnen seiner 43 bis 45 herausragenden Kollegen. Die Suche nach Ausdrucksfähigkeit und die Präzision der Instrumentalkomposition machen “Alcione” zu einem herausragenden Werk, das bereits  die Kunstfertigkeit ankündigt, die Rameau ab 1733 mit “Hippolyte et Aricie” durchsetzen sollte.”

 

Die Aufnahme ist der Spiegel einer Sternstunde barocker Operninterpretation ohne Fehl und Tadel. Sollten Sie die Opern Rameaus schätzen, wird auch dieses wunderbare Album mit – wie immer beim Label Alia Vox – einem höchst aufschlussreichen Booklet in sechs Sprachen unverzichtbar sein. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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