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CD: Marc-Antoine Charpentier Actéon Scherzi Musicali Nicolas Achten, musikalische Leitung Ricercar, RIC487

20.07.2026 | cd

Charpentier verwandelt den Jäger in betörenden Klang

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Marc-Antoine Charpentier besaß die seltene Gabe, das ganz große Drama in die kleinste denkbare Form zu gießen. Seine Pastorale en musique über den unglücklichen Jäger Actéon, der die Göttin Diana beim Baden überrascht und zur Strafe in einen Hirsch verwandelt wird, dauert kaum vierzig Minuten – und wiegt doch schwerer als manche abendfüllende Barockoper.

Das Label Ricercar legt nun eine Einspielung des Ensembles Scherzi Musicali unter der Leitung von Nicolas Achten vor, die weit über das übliche Maß historischer Aufführungspraxis hinausreicht. Achten präsentiert nicht nur die bekannte Urfassung von 1684, sondern als Weltersteinspielung auch die wenige Monate später entstandene Zweitfassung, die Charpentier unter dem Titel Actéon changé en biche für einen Knabensopran umarbeitete. Diese Gegenüberstellung zweier Perspektiven auf denselben antiken Stoff macht die Veröffentlichung zu einem Ereignis für alle, die das französische Grand Siècle abseits ausgetretener Pfade erleben wollen.

Der Einstieg gelingt mit einer Direktheit, die sofort Lust auf mehr weckt. Die Ouvertüre startet mit einem offensiven, ungemein farbigen Musizieren, das jegliche museale Staubschicht im Keim erstickt. Scherzi Musicali agiert hier nicht wie eine sterile Truppe von Spezialisten, sondern wie eine eingeschworene, bunte Familie, bei der jeder Atemzug und jeder Bogenstrich aufeinander abgestimmt ist. Man spürt in jedem Takt eine unbändige Tanz- und Lebensfreude, die sich unmittelbar auf den Hörer überträgt. Das Instrumentarium klingt virtuos und warm zugleich – ein Verdienst der klugen Auswahl historischer Nachbauten. Die Musiker spielen auf einem Ensemble aus zwei Violinen, zwei Querflöten und einem reich besetzten Basso continuo, gestimmt auf den tiefen Pariser Stimmton von 398 Hertz. Die barocke Pracht entfaltet sich intim und doch von enormer rhythmischer Spannkraft getragen.

Besonders gelungen ist die vokale Umsetzung, die sich ganz in den Dienst des barocken Wort-Ton-Verhältnisses stellt. Der Tenor Pierre Derhet verleiht dem Actéon der ersten Fassung eine kultivierte, flexible Stimme, die in ihrer feinen Textgestaltung Maßstäbe setzt. Wenn er im dritten Satz seine Göttin besingt, wird die Musik zu einem intimen Dialog, der jede Nuance von Begehren und Schrecken ausleuchtet. Ihm gegenüber steht der sonnige Sopran von Wei-Lian Huang als Aréthuze, deren lichter Glanz einen herrlichen Kontrast zu den schattigeren Momenten bildet. Luciana Mancini stattet die Rolle der Junon mit einem satten, herrlich timbrierten Mezzosopran aus, der der dramatischen Zuspitzung die nötige Schärfe verleiht. Es ist eine Lust, diesem Ensemble zuzuhören, weil niemand versucht, sich auf Kosten der anderen zu profilieren. Die Sänger werfen sich die Bälle zu, reagieren auf feinste Nuancen der Instrumente und bilden eine organische Einheit, wie man sie nicht so oft findet.

Ein besonderes Augenmerk dieser Produktion ist die historische Detailarbeit bei der Aussprache. Achten orientiert sich strikt an den Traktaten des 17. Jahrhunderts, insbesondere an den Lehren von Bénigne de Bacilly. Das führt zu einer barocken Deklamation, die für moderne Ohren zunächst ungewohnt klingen mag: Endkonsonanten bei Infinitiven werden ausgesprochen, die nasalen Vokale so weit geöffnet, dass sie an den heutigen Quebec-Dialekt erinnern. Was trocken musikwissenschaftlich klingt, erweist sich in der Praxis als ungemein plastisches, theatralisches Gestaltungsmittel. Das französische Wort gewinnt eine haptische Qualität – es knackt, reibt und schwingt im Raum. Dadurch verliert die Musik jede Künstlichkeit und gewinnt eine lebendige, menschliche Komponente, die den Zuhörer mitten in den Salon der Mademoiselle de Guise versetzt, für deren exzellentes Privatensemble Charpentier diese Miniaturen einst schuf.

Die zweite Fassung offenbart den handwerklichen Pragmatismus des Komponisten, der sein Werk für veränderte Besetzungen umschrieb. Die Transpositionen nach unten, das Streichen der Rolle der Aréthuze und die Neukomposition der klagenden Plainte zeigen einen Meister, der sich den Gegebenheiten des Augenblicks anpasst, ohne die Substanz zu beschädigen. Die Musiker von Scherzi Musicali nehmen diese Veränderungen mit hörbarer Spielfreude auf. Gerade in den tänzerischen Airs und der Gavotte zeigt sich eine rhythmische, mitreißende Leichtigkeit. Nicolas Achten leitet das Ganze vom Cembalo aus mit einer Mischung aus musikalischer Strenge und interpretatorischer Freiheit.

Diese Aufnahme beweist eindrücklich, dass historische Genauigkeit und musikalischer Genuss keine Gegensätze sein müssen, sondern sich gegenseitig bedingen – besonders wenn sie mit solcher Passion und einem feinen Augenzwinkern serviert werden wie von diesem Ensemble.

Dirk Schauß, im Juli 2026

 

Marc-Antoine Charpentier
Actéon
Scherzi Musicali
Nicolas Achten, musikalische Leitung
Ricercar, RIC487

 

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