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CD: Mandoline Raffaele La Ragione Arcana, A596

21.05.2026 | cd

Raffaele La Ragione bändigt den Pariser Zupfrausch

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Es gibt Epochen, in denen der gute Geschmack kollektiv Urlaub nimmt, um Platz für eine herrlich exzentrische Manie zu machen. Im Paris der späten 1880er und 1890er Jahre war dies der Fall, als die feine Gesellschaft plötzlich ihre Salons für ein Instrument öffnete, das bis dahin eher mit neapolitanischen Straßensängern und klebriger Romantik assoziiert wurde: die Mandoline. Man nannte es eine Manie, ein plötzliches Fieber, das vom Haarschneider bis zum Magistrat jeden erfasste.

Wer heute glaubt, historische Aufführungspraxis sei eine staubige Angelegenheit für ernste Menschen in Cordanzügen, wird durch dieses Album eines Besseren belehrt. Der Mandolinist Raffaele La Ragione unternimmt hier eine historische Rettungsaktion, die ebenso elegant wie vergnüglich ausfällt.

Begleitet von François Dumont, der einen historischen Pleyel-Flügel von 1896 mit wunderbarem Feingefühl spielt, und veredelt durch den Gesang von Sandrine Piau, geht es zurück in eine Zeit, in der Exotik noch per Postkutsche oder Dampfschiff kam. Auslöser des Booms war die Weltausstellung von 1878 im Trocadéro. Italienische Virtuosen wie Giuseppe Silvestri brachten das Publikum mit Fantasien über Verdi und Bellini derart in Rage, dass nach sechs Zugaben die Damen ihre Fächer verloren. Silvestris eigene Barcarole „Lo Sport“ darf auf dieser Aufnahme natürlich nicht fehlen – sie duftet so ungeniert nach Italien, dass man unwillkürlich nach einem Glas Landwein greift.

Die Mandoline, ein 2025 gebauter Nachbau eines Modells von Lorenzo Lippi nach den legendären Instrumenten der Vinaccia-Familie aus Neapel, besitzt Stahlsaiten und einen tieferen Korpus. Das verleiht ihr jene Durchsetzungskraft, die in den lärmenden Salons nötig war – und einen kantablen, singenden Ton, der im Dauertremolo  geradezu menschliche Stimmqualitäten erreicht.

Das Programm, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Palazzetto Bru Zane, gleicht einem Streifzug durch ein musikalisches Kuriositätenkabinett. Neben Originalwerken gibt es opulente Bearbeitungen von Opern- und Operettenmelodien, die damals reißenden Absatz fanden. Jean Pietrapertosa, einer der zentralen Figuren der Pariser Mandolinen-Renaissance, zeigt sich als brillanter Arrangeur. Bizets „Pastorale“ eröffnet den Reigen als reiner Tongewinn, später folgt das exotische „Adieux de l’hôtesse arabe“.

Besonders reizvoll wird es, wenn die ganz großen Namen der französischen Musik ins Spiel kommen. Debussys „Mandoline“ stürmt mit energischen Soprantönen voran, während Gabriel Faurés gleichnamiges Werk Sandrine Piau die Gelegenheit gibt, ihre lyrischen Farben voll auszubreiten. Bei Saint-Saëns’ „Guitares et Mandolines“ spürt man den spanischen Einfluss, der über reisende Ensembles nach Frankreich schwappte und die Damenwelt reihenweise in Verzückung (manchmal auch in Ohnmacht) stürzte.

Die Aufnahmetechnik geht dabei sehr nah ran – beim Gesang fast schon an die Mundöffnung. Gewöhnungsbedürftig, aber sie passt hervorragend zum intimen, direkten Salonklang der Epoche.

Dass die Mandoline auch Humor besitzt, beweist das Finale: Jacques Offenbachs „Madame l’Archiduc“ in der Bearbeitung von Pietrapertosa sorgt für einen schmunzelnden Abgang. Überhaupt ist dieses Album ein Plädoyer für die gehobene Unterhaltung. Es zeigt, wie aus einer folkloristischen Mode eine ernstzunehmende Kunstform wurde – bevor der erste Weltkrieg dieser unbeschwerten Welt ein jähes Ende setzte.

Wer wissen möchte, wie das teure Geld klingt, höre Saint-Saëns’ „Le Timbre d’argent“: Die Mandoline lacht vernehmlich darüber, und der Hörer lacht gerne mit. Eine echte Entdeckung für alle, die das Augenzwinkern in der Musik noch nicht verlernt haben.

Dirk Schauß, im Mai 2026

 

Mandoline

Raffaele La Ragione

Arcana, A596

 

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