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CD „MAGIE“ – MARTHA ARGERICH und MARIA SOLOZOBOVA: Beethoven Kreutzersonate und Prokofiev Sonate für Violine und Klavier Nr. 2; ANTES EDITION

09.01.2024 | cd

CD „MAGIE“ – MARTHA ARGERICH und MARIA SOLOZOBOVA: Beethoven Kreutzersonate und Prokofiev Sonate für Violine und Klavier Nr. 2; ANTES EDITION

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Die Geschichte rund um die Entstehung und die Widmungskurve von Beethovens Neunter Sonate für Violine und Klavier in A-Dur, Op. 47 wäre wie gemacht für eine historisierend-fiktive Netflix Serie. Der ursprüngliche Titel dieser „Sonata mulattica“ gibt das erste Stichwort. Da war einmal ein gewisser George Polgreen Bridgetower, ein 24 Jahre junger englischer Geiger afrikanisch europäischen Ursprungs, exzentrisch und extravagant. Der Ehrgeizige weilte 1803 in Wien zu Besuch. Der beim Prinzen of Wales angestellte Geiger war für seine Mätzchen auf dem Konzertpodium ebenso bekannt wie für seine manierierten Interpretationen, gefolgt von rauschenden gesellschaftlichen Erfolgen. 

In Wien hatte er nicht nur alle eleganten adeligen Salons im Sturm erobert, sondern genügend Zeit mit Beethoven im Gespräch oder musizierenderweise verbracht. Dieser new best friend war Beethoven damals offenbar so viel wert, dass er die Sonata per il Pianoforte ed un Violino obligato, scritta in uno stilo molto concertante quasi come d’un Concerto bis zu einem gemeinsamen Auftritt im Augarten im Mai 1803 in nur vier Tagen fertiggestellt haben soll. Und Bridgetown muss auf seiner Geige so fit gewesen sein, dass er die laut Michael Korstick „größte, schwierigste ambitionierteste Violinsonate, die bis 1803 überhaupt geschrieben wurde“ an der Seite von Beethoven am Klavier bewältigte. Das Publikum dürfte hingegen irritiert gewesen sein. Von Carl Czerny als Ohren- und Augenzeugen ist überliefert, dass bei der Uraufführung Künstler und Werk verlacht wurden.

Und dann wird die Geschichte ganz schön fabulös. Da ist von Seiten Bridgetowers von einer Wiener Schönheit die Rede, die den beiden Musikern den Kopf verdreht hatte. Das innige Freundschaftsverhältniswich rasch einer erbitterten männlichen Konkurrenzsituation. Jedenfalls war bald Schluss mit lustig zwischen Beethoven und Bridgetower. Beethoven strich die Dedikation im Manuskript und widmete die Sonate bei Drucklegung final dem Franzosen Rodolphe Kreutzer, der 1798 mit dem französischen Gesandten, General Bernadotte, nach Wien gekommen war. Diesem im Auftritt unauffälligen Musikus dürfte die Sonate technisch zu anspruchsvoll bzw. ihrem Wesen nach „unverständlich“ gewesen sein, jedenfalls spielte er sie nie und wir können davon ausgehen, dass er sie auch nicht ausstehen konnte.

Dieter Kühn hat aus der historischen Episode den Roman „Beethoven und der schwarze Geiger“ gemacht, der 10 Jahre nach der Uraufführung der Sonate ansetzt. Da sind Ludwig van Beethoven und der farbige Geigenvirtuose George Bridgetower auf dem Dreimaster Southern Cross nach Afrika unterwegs. Ein maskierter Gentleman in geheimer Mission und die junge Charlotte von Trebnitz mit ihrer Tante ebenso. Beethoven fängt Liebesfeuer, Bridgetower gibt den Chronisten. Kühn soll im Roman Beethoven aber spannend charakterisiert haben. Ich habe mir soeben ein antiquarisches Exemplar bestellt. 

Was an der Kreutzersonate neben allem wunderbaren Bridgetower-Tratsch besonders interessant ist, dass der dritte Satz zuerst entstanden ist und zwar 1802 als Schlusssatz zur Violinsonate Nr. 6 in A-Dur, Op. 30, Nr. 1, vor den Beethoven die ersten beiden Sätze in Rekordzeit hinzufügte. Dass es sehr wohl um gewaltige Emotionen geht, ist im Adagio sostenuto – Presto zu hören, zumal wenn er so kompromisslos lodernd musiziert wird wie in diesem fantastischen live Mitschnitt aus der Tonhalle Maag Zürich 2021. Beethoven als forscher Draufgänger und sensibel Zweifelnder scheint bei dem Duo bestens aufgehoben. 

Die schweizerisch-russische Geigerin Maria Solozobova begeistert auf ihrer Nicolo Gagliano aus dem Jahr 1728 von der ersten Doppelgriffkadenz an. Ihr kernig entschlossenes Spiel „harmoniert“ in motivischer Modulationsfreude und im experimentell rösselspringenden, konzertierenden Wettstreit mit demjenigen der ebenso zupackenden Klavierlegende Martha Argerichs auf fast schon unheimliche Art und Weise. Ein gemeinsamer Atem, ein seelenverwandtes Feeling für Rubato und für die Brechungen im Auf und Ab dieser mysteriös bekenntnishaften Klangsprache Beethovens scheint die beiden zu verbinden. Bei Übergängen von einem Tempo und Temperament zum anderen scheinen die beiden Musikerinnen auf Raubtierpfoten lauernd innezuhalten, bevor sie mit aller Kraft und Energie in den nächsten Abschnitt sprinten.

Ganz anders der so heikle zweite, über 15 Minuten lange Variationensatz. Aus märchenhaftem Feenstoff gewebt, scheinen die vier Variationen subtil von einem zärtlich-behutsamen Ineinander von Violine und Klavier zu erzählen. Musikalische Landschaftsgärtnerei und schillernde Korallenfarben in sanft dahinwellenden Strömungen. Der bis in höchste Höhen stets sanglich-sinnliche Ton Solozobovas und der in vielen Pianoabschattierungen kunstvolle Anschlagsreichtum der Argerich verschmelzen zu einem grazienflüsternden Duett fern von dieser Welt. Einen harschen Kontrast dazu bildet der dritte durchaus irdische Satz mit seinem energetisch so luftigen Lauf bis zum tänzerisch beschwingten Endspurt.

Prokofievs Sonate Nr. 2 in D-Dur für Violine und Klavier, Op. 94a, geht auf eine Sonate für Flöte und Klavier zurück, die der Komponist gemeinsam mit dem Geiger David Oistrach für Klavier und Violine bearbeitete. Am 17.6.1944 erstmals aufgeführt, überrascht die Musik mit einer durchgängig lebendig unkomplizierten Gangart. Prokofiev selbst sprach von einem „zarten flüssigen Stil.“ Liedhafte Lyrismen, eine vollmundige Virtuosität und eine fliegende Leichtigkeit kennzeichnen die Interpretation von Solozobova und Argerich.

Fazit: Eine musikalische Partnerschaft zweier hier ganz Großer als künstlerischer Glücksfall sondergleichen. Kammermusik, von euphorisch-trunken bis nachdenklich-verhangen, wie das pralle Leben selbst. Irre gut! Der mitgeschnittene begeisterte Applaus dient dem als Beleg.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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