CD „MAGIE“ Die Wladigeroff Brüder vertonten Lyrik von Rainer Maria Rilke; aparte
mit den Sopranen Karissmira Stoyanova, Theodora Nesterova, Paul Schinkovitz, Sarah Traubel, dem Countertenor Andreas Scholl sowie den Wiener Sängerknaben

„Aus unbeschreiblicher Verwandlung stammen solche Gebilde: Fühl! und glaub! Wir leidens oft: zu Asche werden Flammen; doch: in der Kunst: zur Flamme wird der Staub. Hier ist Magie. In das Bereich des Zaubers scheint das gemeine Wort hinaufgestuft…und ist doch wirklich wie der Ruf des Taubers, der nach der unsichtbaren Taube ruft.“ R.M. Rilke „Magie“
Opa Pancho Wladigeroff war als Komponist Wegbereiter einer Schule, die bulgarische Folklore und westliche Musiktraditionen zu einem spezifischen Stil zu verschmelzen wusste. Papa Alexander Wladigeroff wiederum studierte Komposition, verlegte sich später eher auf seine Dirigentenkarriere mit dem Symphonieorchester von Plovdiv, demjenigen von Pleven Symphony Orchestra und dem Orchester des Bulgarischen Rundfunks.
Die 1978 in Sofia geborenen Zwillingsbrüder Alexander Alexandrov Wladigeroff und Konstantin Alexandrov Wladigeroff wuchsen mit Musik auf. Kein Wunder, dass sie selbst begeisterte Musiker mit originellen Programmen wurden. Der eine lernte Trompete, der andere trat als Komponist und Dirigent in die Fußstapfen seiner männlichen Vorfahren.
Vor einigen Jahren bekamen sie die Anthologie „Die schönsten Gedichte von Rainer Maria Rilke“, herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki (Insel Verlag, Berlin 2016) geschenkt. Im ruhigen und einsamen Corona-Frühjahr 2020, als Trompete, Klavier und Klarinette für die geplanten Konzerte Lockdown bedingt ruhten, kristallisierten sich in der Wiener Wohnung der Brüder Wladigeroff die Idee und die Musik zu dem vorliegenden Album. Die beiden nahmen sich vor, Rilkes Lyrik in Lieder zu verwandeln. Eine klare Rhythmik und Metrik mit speziellen für Strophenverse erdachten, sich steigernden Akzenten, Annäherungen an das antike griechische Theater mittels abwechselnd gesungenen und melodramatisch rezitierten Worten als auch ein großer musiktheatralischer Bogen sind die Grundzutaten zu diesem dem Titel magisch gerecht werdenden Album.
Die bulgarischen Tonsetzer haben mit viel Einfühlung und einer abwechslungsreichen Instrumentierung eine melodisch und harmonisch eingängige, spirituell eindringliche, jedoch nie simple Musik erdacht. Ausgeführt von Streichern (Vienna Morphing Soloists), Bassklarinette, Celesta, Trombone (Alois Eberl), Trompete, Flügelhorn, Horn, Bandoneon (Milos Todorovski) und mit dem Solisten der Wiener Symphoniker Filip Philipp am Vibraphon destillieren sich meditative, onirische Klänge, die die Lyrik des Rilke ums Unaussprechliche vertiefen und emotional anreichern.
Stets wortbezogen, kann die von Streichern und Blechbläsern getragene völlig tonale Musik (Vocals und rein instrumentale Passagen) zielungefähr in der Nachfolge französischer Impressionisten, von Strawinski und Minimal Music mit jazzigen und Tango-Elementen durchsetzt, also einem Mix an verschiedenen Musiktraditionen und Stilen, verortet werden.
Mit der instrumental und vibratoarm geführten Stimme des Countertenors Andreas Scholl („Der Panther“, „Die Sonette an Orpheus I, IX, XIX“, “Das Schlussstück“) und den glockig flötenden, doch textundeutlichen (Solisten der) Wiener Sängerknaben („Die Sonette an Orpheus I, XXII“, „Magie“, „Mir“, „Advent“) ist die geistliche, Gott zugewandte Grundatmosphäre bestimmt. Einen reizvollen Kontrast dazu setzt die edel timbrierte Krassimira Stoyanova mit dem der Sängerin gewidmeten „Liebeslied“. Für mich bildet ihre zärtlich bewegende Interpretation der eschatologisch zaghaft fragenden Lyrik („Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Geiger hat uns in der Hand?“) mit duftigen Vokalisen den künstlerischen Höhepunkt des Albums.
Neben den Eigenkompositionen sind zwei Kostproben aus dem Schaffen des Lehrers und Freundes der Gebrüder Wladigeroff, Tryphon (Phoncho) Silyanovski, aus dem Jahr 1953 zu hören: „Der Abschied“ und „Pietá“.
Als Erzähler und Sprecher mischen sich Christian Reiner und Robert Reinagl mit sanft-ausdrucksvollen Stimmen ins Geschehen und in die Texte, wie einst Zerbinetta in die Monologe der Hofmannthalschen „Ariadne auf Naxos“. „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“, „Spaziergang“, „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ (Gesang und Rezitation), „Ich hielt mich überoffen“ mit leisen, plätschernden Regentropfen unterlegt.
Als letztes Gedicht haben die Wladigeroffs Rilkes „Schlussstück“ gewählt, ein aufrüttelndes Momento mori, das Andreas Scholl und Burgschauspieler Robert Reinagl von Bläserfanfaren begleitet zauberisch verinnerlicht vortragen: „Der Tod ist groß, wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.“
Der letzte Ton des Albums gehört einem kammermusikalischen Instrumentalstück auf das Gedicht „Magie“. „Hier ist Magie!“, flüstert uns der Erzähler noch zu, bevor wir schweigend und grübelnd im Nachhall von Wort und Klängen verharren.
Dr. Ingobert Waltenberger

