CD „LUNARIS“ From Dreaming to Transcendence – BRUCE LIU spielt Werke von Chopin, Beethoven, Debussy, Bach, Obel, Mompou, Ligeti und Scriabin; Deutsche Grammophon
Viel Schönheit und kaum Bedrohung: Gefühlvolle bis virtuose Fingerübungen eines Hochbegabten

Laut Verlag handelt es sich um ein Programm, das diesen Maler an den Tasten „von seiner intimsten, visionärsten und atmosphärischsten Seite zeigt“. Mit dem vielsagenden Albums-Titel „Lunaris“ ist wohl alles, was den Mond betrifft, gemeint: sein milchig durchkratertes Gesicht als auch die mystische Nacht mit ihren Visionen und Geistern, überwiegend in einem durchaus romantischen Sinn, wie die Auswahl der Musikstücke zeigt.
Der Mond als Metapher meint Ahnung, Sehnsucht nach dem Anderen, Traumgespinste wie Schlaflosigkeit, Sehnsucht, Einsamkeit, Liebe, Jenseits und neuerdings gemeinsam mit dem Mars einen alternativen Wohnort nach der Apokalypse auf Erden. Aber zum Mond und seinen Legenden gehört auch der Werwolf, mit seinen Attributen von Schrecken, phosphoreszierend gefletschten Zähnen in der Grenzenlosigkeit eines rundherum dräuenden Universums.
Der nun fast dreißigjährige, in Paris geborene Bruce Liu ist chinesischen Ursprungs und besitzt die kanadische Staatsbürgerschaft. Der Deutsche Grammophon Star hat vor allem im 2024 erschienenen Album „Die Jahreszeiten“, op.37b, in einer Fassung für Klavier von Peter Iljitsch Tchaikovsky gezeigt, aus welchem musikalischen Holz er geschnitzt ist. Eine makellose Technik gesellt sich mit einem musikalisch hoch empfindsamen und agogisch durchdachten Vortrag, einem leichtgängig transparenten Anschlag zu einer höheren Einheit, ohne je in Kitsch oder pure Gefälligkeit abzugleiten.
Ausgenommen die beiden Beethoven-Sonaten Nr. 14 „Mondschein“ und Nr. 21 „Waldstein“ hat Liu kurze Stücke gewählt, die ihn pianistisch kaum fordern, ja mehrheitlich merklich unterfordern. Das Hören der Appetithappen kann sicherlich ein meditatives Sich-Fallenlassen bewirken. Den in besonders langsamen Tempi gespielten Miniaturen von Chopin (Nocturne in Des-Dur, op. 27/2), der „Rêverie“ von Claude Debussy, der Prélude in h-Moll, BWV 855a in der Fassung von Alexander Siloti von Johann Sebastian Bach, der „Tokka“ von Agnes Obel, der Glossa sobre ‚Au clair de la lune‘ sowie der gleichnamigen ‚Fantasia sobre‘ des Spaniers Frederic Mompou, dem Andante der Klaviersonate Nr. 4 in fis-Moll, op. 30, von Alexander Scriabin oder John Cages „Dream“ zu lauschen, zeigt den Mond und seine vielfältigen Mysterien nur von einer, nämlich der hell sehnsüchtigen Seite erdenferner Schwärmerei.
Genau aus diesem Grund überzeugen mich das ‚Presto agitato‘ der „Mondscheinsonate“, das ‚Allegro con brio‘ der „Waldsteinsonate“, die Étude Nr. 4 „Fanfares“ von György Ligeti und das ‚Prestissimo volando‘ der erwähnten Scriabin-Sonate am meisten. Hier zeigt der junge Pianist eine Gestaltungsmagie und kräftigere Anschlagsnuancen, die einer anderen, hektisch kurzlebigeren Naturbetrachtung folgen. Denn jede (Vollmond) Nacht findet mit der Morgendämmerung ihr Ende, wie Romeo und Julia und der metaphorisch mitfühlende, zur Pflicht rufende Nachtigallenmann ein gar traurig Lied davon singen können.
Bruce Liu: „Es ist nicht nur eine Auswahl von Werken, die ich liebe, sondern auch mein Versuch, eine neue Art des Hörens und Erlebens von Klang zu erschaffen, die in mir gewachsen ist. Diese Atmosphäre der schwebenden Zeit sowie das Nebeneinander von Intimität und Distanz sind Dinge, die ich in meiner täglichen Beziehung zum Instrument wiedererkenne.“
Dass dieses feengleiche Album seine Fans und begeisterten Fürsprecher finden wird, daran besteht kein Zweifel. Ich wünsche mir von Bruce Liu und seinem nächsten Album hingegen ein kontrastreicheres und anspruchsvolleres Programm, hell dunkel grundiert, mit weniger ‚mundgerechtem klanglichen Fingerfood‘ als einer Erzählung, die den exzellenten Pianisten bis an die Grenzen der Spielbarkeit und seines Ausdrucksvermögens fordert.
Programm des Albums:
- Ludwig van Beethoven: Klaviersonaten Nr. 14 „Mondschein“ und Nr. 21 „Waldstein“
- Frédéric Chopin: Nocturne Nr. 8 Des-Dur, op. 27 Nr. 2
- Claude Debussy: Rêverie
- Johann Sebastian Bach/Alexander Siloti: Prélude in h-moll BWV, 855a
- Agnes Obel: Tokka
- Federico Mompou: Au clair de lune mal zwei
- György Ligeti: Fanfares
- Alexander Scriabin: Klaviersonate Nr. 4 in fis-Moll, op. 30
- John Cage: Dream
Dr. Ingobert Waltenberger

