CD LUKAS STERNATH spielt FRANZ SCHUBERT und FRANZ LISZT; NO SILENCE Records
Ein neues Klassik-Label, ein neuer österreichischer Jungstar mit einem gelungenen Klavier-Solo-Debütalbum

„Ich bin ein Fremdling überall. Wo bist du, mein geliebtes Land? Gesucht, geahnt und nie gekannt!“ Aus „Der Wanderer“ von Georg Philipp Schmidt von Lübeck/Franz Schubert
Das erste, im Februar und März dieses Jahres auf Schloss Elmau aufgenommene Album des österreichischen Pianisten Lukas Sternath markiert eine doppelte Premiere. Das auf zwei CDs veröffentlichte Album enthält ausgewählte Lieder von Franz Schubert in der Transkription für Klavier solo von Franz Liszt, die „Wanderer Fantasie“ in C-Dur, op. 760 sowie Liszts „Années de pélerinage, deuxième année: Italie“.
Die Publikation geht mit dem Release eines neuen Labels mit Namen No Silence Records unter dem Schirm und dem Vertrieb von Sony einher. Gründer Igor Levit hat dabei eigene Vorstellungen, die er verwirklichen will: Mehr Freiraum für Musiker und eine Haltung, die sich für Schönheit, für Mut, gegen Konformismus, gegen Extremismus, für Menschlichkeit einsetzt. Und bringt sein Credo mit dem Satz „Damit Kunst funktioniert, muss sie alles sagen dürfen“ auf den Punkt. Igor Levit hat No Silence gestern Abend in Berlin im Columbia-Theater mit einem Gesprächskonzert vorgestellt. Er hat viel Beethoven gespielt und erläutert, was programmatisch ab 23.10. läuft und einen kleinen Zukunftsausblick gegeben.
Sternath präsentiert auf seiner Opening-CD Franz Schubert hochemotional, endlich wieder einmal wienerisch phrasiert, mit klanglicher Märchenfantasie und einer sagenhaft differenzierten Anschlagskultur. Bei keinem anderen Pianisten hatte ich den unmittelbaren Eindruck, dass die Liedbearbeitungen Liszts sängerischer, kantabler geatmet, die inneren Dramen erzählerischer musiziert werden, als Lukas Sternath dies tut: „Der Wanderer“, „Frühlingsglaube“, „Auf dem Wasser zu singen“, „Litanei“; Der Müller und der Bach“ sowie „Ständchen“ pulsieren in klanglicher Poesie. Ihren pochenden Herzschlag beziehen die sensitiven Interpretationen aus einer ständigen Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit, dem Wissen um Vergänglichkeit, tiefem Naturerleben, der Geborgenheit und dem Trost in Schönheit von Kunst, der Gelassenheit im Loslassen.
Schuberts „Wanderer Fantasie“ aus dem Jahr 1822 bringt die romantische Gebrochenheit des Helden bzw. einer ganzen Generation (auch unserer Jugend) zum Sieden. Den Weg, den der Wanderer im wiederkehrenden Schreitmotiv zurücklegt, von jugendlichem Schwung, Enthusiasmus über in Trauer mündenden Frust und Selbstmitleid bis zur tröstlichen Natur nach einer formal strengen Fuge, wandelt sich unter Sternaths Händen zur Bekenntnismusik pur. Zeitlos spüren sie den stets wiederkehrenden Fragen der Menschheit hinterher, in dem Maße, wie es der Künstler internalisiert und durchlebt hat.
Franz Liszts „Années de pélerinage“ führen im zweiten Jahr nach Italien. Sternath spielt die ersten sechs Teile (Sposalizio/Vermählung nach Raffaels Gemälde Vermählung Mariä, Il Penseroso/Der Nachdenkliche nach einer Statue Michelangelos in der Florentiner Medici-Kapelle, die Canzonetta del Salvator Rosa sowie die drei Petrarca Sonette ungewohnt impressionistisch, ja liedhaft introvertiert, als ob man in Gedachten sublimierten Erfahrungen und Eindrücken folgte. Die abschließende Dante-Sonate zwischen Himmel, Hölle und Erden versteht Sternath aus Ausdruck von „Da kocht etwas in einem hoch“, ein Sprengstoff, der sich entlädt, nach Außen und nach Innen.
Raus aus der Komfortzone, was Sternath (O-Ton „Es bleibt einfach immer ein Kraftakt und eine Überforderung“) künstlerisch grenzgängerisch wohl bekommt, und rein in dieses technisch anspruchsvolle wie kultige „Signature“-Stück der romantischen Klavierliteratur. Die Klagen der Seelen in der Hölle kommen dämonisch infiltriert daher. Da fährt der Teufel langsam sich steigernd seine scharfen Krallen aus.
In den als lyrische Gegenentwürfe konzipierten Kantilenen setzt Sternath auf zarteste Klanggeflechte, leichtfüßig und glitzerschwebend wie nicht von dieser Welt, was die mächtig donnernden Steigerungen zum Schluss umso effektvoller Gestalt annehmen lässt.
Sternath gelingen die berühmt-berüchtigten Oktavsprünge, die Tremoli und überhaupt die Konturierung der harmonischen Freizügigkeiten dieses metaphysischen Dramas bravourös. Natürlich nicht um des Selbstzwecks willen.
Das Ergebnis bietet eine bemerkenswert selbständige künstlerische Handschrift, wenn man die bekannten Interpretationen von Arrau, Brendel oder Pletnev als Vergleichsmaßstab nehmen möchte. Aber Sternath lässt sein Album nicht mit pompöser Pranke ausklingen, sondern programmatisch bewusst mit dem „Ständchen“ (Schubert/Liszt), dem schönst möglichen musikalischen Liebesgruß: „Leise flehen meine Lieder durch die Nacht zu Dir; In den stillen Hain hernieder, Liebchen, komm‘ zu mir! Flüsternd schlanke Wipfel rauschen in des Mondes Licht; des Verräthers feindlich Lauschen, Fürchte, Holde, nicht…..“
Termine Lukas Sternath: 1.11. Wien, 3.11. Stuttgart, 5.11. Prag, 7.11. München, 11.11. Frankfurt.
Dr. Ingobert Waltenberger

