CD LUDWIG van BEETHOVEN: VIOLINSONATEN I, Nr. 1, 2 und 3, op. 12, sowie Nr. 5, op. 24; BIS
Erster Teil einer Gesamteinspielung auf historischen Instrumenten: ALINA IBRAGIMOVA auf der Andrea Amati (1570) und CÉDRIC TIBERGHIEN am Fortepiano nach Walter 1794

Spannend, wenn man sich Beethovens op. 12 von zwei artistisch enorm engagierten Solisten auf Platte anhört, nachdem Martha Argerich in Bestform mit zwei wechselnden Partnern erst kürzlich und live beim renommierten Berliner „Intonations“-Kammermusikfestival der Elena Bashkirova u.a. gerade mit der dritten dieser Sonaten starke Eindrücke hinterließ.
Doch ist es eine ganz andere Geschichte der Interpretation, die hier erzählt wird: Alina Ibragimova geigt auf einem Instrument mit Darmsaiten, während Cédric Tiberghien einem Fortepiano – der Kopie eines Wiener Instruments aus dem Jahr 1794 – eine gänzlich engmaschigere Klangpalette entlockt, bzw. als bunte Luftballone in das Beethoven Interpretationsuniversum steigen lässt, als dies auf einem wesentlich voluminöser prunkenden, klanglich jedoch neutraleren Steinway-Flügel möglich wäre.
Das erste Album mit den drei Violinsonaten op. 12 sowie der als „Frühlingssonate“ naturpoetisch bekannten Violinsonate Nr. 5 in F-Dur, op. 24, zeigt wieder einmal, wie unendlich der Reichtum an Ausdrucksvarianten ist. In sublimsten Nuancierungen umranken Klavier- und Violine einander, auf der Basis von Temperament, Musikalität und spannungsreichem Miteinander zweier exzeptioneller Solistencharaktere.
Und mit solchen haben wir es bei der russisch-britischen Geigerin tatarischer Abstammung Alina Ibragimova sowie dem ebenfalls Élegance mit sprudelnder Spiellaune einenden französischen Pianisten Cédric Tiberghien zu tun. Wie sehr Beethoven in seinem dem Hofkapellmeister Antonio Salieri gewidmeten op. 12 gegenüber seinen Vorbildern Haydn oder Mozart verwegenere, markantere und hitzigere Töne anschlug, lässt sich sofort an den beiden atmosphärisch so unterschiedlichen ersten Allegro Sätzen der Sonaten in D-Dur und A-Dur erkennen.
Besonders schön zeigt sich die individuelle Qualität der neuen Einspielung im mysteriös zukunftsweisenden Adagio con molta espressione der dritten Sonate in Es-Dur. Auf eine herzzerreißend melancholische Kantilene ergehen sich Violine und das sie umwerbende Klavier in romantischer Schwärmerei sondergleichen, während gegen Ende kurze, harte perkussive Schläge eine andere Wirklichkeit beschwören. Das Rondo hingegen will von der ‚Gefühlsduselei‘ des Adagios und jeglicher Gespensterei gar nichts mehr wissen. Da legen Ibragimova und Tiberghien unbeschwert drauflos und lassen tänzerischem Schwung und kontrapunktischer Fantasterei freien Lauf.
Erstaunlich ist, wie sehr es Tiberghien am Fortepiano versteht, lautmalerische Töne anzuschlagen, die Tasten sanft brummen bis frech keckern lassen kann. Ibragimova wiederum ist aufbauend auf ihrem Wissen um historische Rhetorik, Bogenführung und Strichtechniken eine meisterliche Partnerin Tiberghiens. Ihr gelingen dynamisch differenziertest gestaltete Abschattierungen, ein allerfeinst kalibriertes Vibrato, ein sängerisch extrovertiertes Legato und ein rhythmisch beherzter Zugriff. So ergänzt sie ideal die in sonnenwärmendem Halbschatten schimmernde Brillanz des Fortepianos.
Die Wiedergabe der oft gehörten, immer wieder aufs Neue mitreißenden „Frühlingssonate“ beschert Momente ungetrübten Glücks fern aller Müh‘ und Plag. Wer ließe sich nicht gerne dazu verführen.
Fazit: Künstlerisch und aufnahmetechnisch triumphaler Einstand des mehrteiligen Projekts!
Dr. Ingobert Waltenberger

