CD: Ludwig van Beethoven Violin Sonaten Alena Baeva, Violine Vadym Kholodenko, Klavier Alpha Classics, Alpha1208
Eine Allianz der Extreme: Baeva und Kholodenko eröffnen ihren Beethoven-Zyklus
In der Welt der Kammermusik gibt es Paarungen, die auf dem Papier glänzen, und solche, die auf dem Podium eine nahezu physisch spürbare Alchemie entwickeln. Alena Baeva und Vadym Kholodenko gehören zweifellos zur zweiten Kategorie. Seit über einem Jahrzehnt bilden die Geigerin und der Van-Cliburn-Preisträger ein eng verbundenes Duo, das nun mit dem ersten Band einer Gesamteinspielung der zehn Violinsonaten von Ludwig van Beethoven ein diskografisches Großprojekt startet.

Zwischen philologischer Akribie und emotionaler Wucht
Die Auswahl für diese CD spannt einen weiten Bogen: Die Sonate Es-Dur op. 12 Nr. 3, die „Frühlingssonate“ op. 24 sowie die monumentale „Kreutzer-Sonate“ op. 47. Entstanden zwischen 1797 und 1803, markieren diese Werke Beethovens Aufstieg zum europäischen Star – und zeitgleich den Beginn seines tragischen Verstummens durch die einsetzende Schwerhörigkeit.
Baeva und Kholodenko begegnen den Partituren mit Spielfreude und forschendem Ernst. Basierend auf der Bärenreiter-Ausgabe von 2020 haben sie Phrasierungen, Verzierungen und Tempi anhand zeitgenössischer Quellen neu bewertet. Das Ergebnis ist jedoch weit entfernt von akademischer Trockenheit; es ist eine Interpretation, die historisch informiert, aber emotional absolut im Hier und Jetzt verankert ist.
Ein Klang von geschmeidiger Schärfe
Schon in der „Frühlingssonate“ setzt Baeva ein deutliches Ausrufezeichen gegen die interpretatorische Routine. Der Ton, den sie ihrer ehemaligen William-Kroll-Geige „Guarneri del Gesù“ von 1738 entlockt, ist bemerkenswerte: geschmeidig und zart in den lyrischen Passagen, jedoch schroff und bestimmt im Zugriff, sobald Beethoven kraftvolle rhythmische Akzente setzt.
Besonders faszinierend ist die Agogik. Die Tempi verweilen nie; es entsteht eine sensible Nuancierung, die den Hörer in ständiger Aufmerksamkeit hält. Der „Frühling“ wird hier nicht als pastorale Idylle missverstanden – man spürt in jedem Takt das Potenzial für einen plötzlichen, heftigen Sturm, der so schnell vorüberzieht, wie er gekommen ist.
Partnerschaft auf Augenhöhe
Vadym Kholodenko erweist sich als idealer Partner für Baeva. Sein Klavierspiel ist von einer Klarheit, die selbst in den dichtesten Passagen der „Kreutzer-Sonate“ Transparenz schafft. Das Zusammenspiel im großzügig bemessenen, aber nie aufdringlichen Rubato ist fabelhaft. Wenn Baeva in ein fahles Pianissimo abtaucht, folgt Kholodenko ihr mit einer Präzision, die nur durch jahrelanges gemeinsames Musizieren möglich ist.
Besonders hervorzuheben sind die Variationen der Op. 47, jede mit ihrem eigenen, scharf umrissenen Charakter. Auch das Scherzo der Op. 24 wird zum Ereignis: Ein flüchtiger Moment, der sich unter den Fingern des Duos entmaterialisiert. In der frühen Es-Dur-Sonate wiederum wird der „junge Wilde“ Beethoven spürbar – ausdrucksstark, fordernd und mit jener gesunden Portion Schroffheit, die diese Musik braucht.
Diese erste Folge verspricht Großes für den weiteren Verlauf der Gesamtedition. Baeva und Kholodenko liefern ein leidenschaftliches Plädoyer für einen Beethoven, der gleichzeitig intellektuell fordert und emotional erschüttert. Ein glänzender Auftakt.
Dirk Schauß, im März 2026
Ludwig van Beethoven
Violin Sonaten
Alena Baeva, Violine
Vadym Kholodenko, Klavier
Alpha Classics, Alpha1208

