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CD LUDWIG van BEETHOVEN: Symphonien und CHORFANTASIE; harmonia mundi

08.07.2020 | cd

CD LUDWIG van BEETHOVEN: Symphonien und CHORFANTASIE; harmonia mundi

1)    BEETHOVEN: SYMPHONIEN Nr. 1 und 2; CARL PHILIPP EMANUEL BACH: Symphonien Wq 175 & 183/4 – AKADEMIE FÜR ALTE MUSIK BERLIN

„Beethoven lebt!“ nennt sich das großangelegte Projekt, das der Verlag harmonia mundi  in der Zeitspanne 2020 (Beethovens 250. Geburtstag)  bis 2027 (200. Todestag) realisieren will. Dabei geht es um eine größtmögliche Bandbreite an Interpretationsoptionen. Natürlich werden jetzt dem Zeitgeist entsprechend die Symphonien auf historischen Instrumenten eingespielt und zusammen mit anderen bedeutenden Werken derselben Epoche kombiniert. Die „Pastorale“ gekoppelt mit der „Grande Simphonie“ von Justin Heinrich Knecht ist bereits erschienen.

Nun wollen wir dem Vorhaben beispielhaft auf den Zahn fühlen, ob und inwieweit die Gegenüberstellung von Orchestermusik des Altmeisters Carl Philipp Emanuel Bach mit den beiden Symphonieerstlingen von Beethoven aufschlussreich wirkt. Schon die Dauer der gemeinsam dargebotenen Werke unterscheidet sich ja wesentlich. Den beiden ca. zehnminütigen dreisätzigen Symphonien von CPE Bach stehen ausgewachsene viersätzige, etwa halbstündige Schwerepfünder gegenüber. Legitimerweise geht es wohl darum, aufzuzeigen, wie beide Komponisten völlig unangepasst und eigenständig ihrer Zeit voraus etwas anboten, das selbst damaligen hehren Geistern als suspekt erschien. So meckerte der alte Nörgler Berlioz über Beethovens Start in symphonische Welten. Auch Friedrich der Große war über den schöpferischen Output des jungen Bach entzückt und verstört zugleich.

Die Akademie für Alte Musik Berlin spielt ohne Dirigenten, das dynamische Geschehen hält Konzertmeister Bernhard Forck naturgemäß ohne größeren Gestaltungswillen zusammen. Das Album startet mit der 1755/56 entstandenen Sinfonie in F-Dur Wq 175 des CPE Bach. Da unterhält das rasende, launisch mit brummigen Trillern versetzte ‚Allegro assai‘, das ‚Andante‘ wird voller Nonchalance und trotz strikter Faktur wie mit wegwerfender Gebärde serviert, bevor ein ‚Tempo di Menuetto‘ das harmlose barocke Tänzchen mit paillettenbesetzten Schleifchen zu travestieren scheint. Hier ist ein echter Lebensspieler am Werk, der den Konventionen die Nase dreht.

Viel ernster geht es zu Beginn von Beethovens erster Symphonie in C-Dur Op. 21 zu, 1800 im alten Burgtheater am Michaelerplatz uraufgeführt. Da scheint einer dem ganzen musikalischen Erd- und Himmelreich mit einem verdächtig leisen Septakkord zuzurufen: Passt nur auf, ihr werdet stumm und ungläubig vor Staunen sein, auf welche unerhörte Reise ich euch mitnehme. Das, was ich in der Ersten höre, ist keineswegs kleinlich oder eine Kinderei, wie Berlioz abfällig meinte, sondern aus der klassischen Sonatenhauptsatzform zu einem architektonisch großzügigen Bogen gezimmert, der Beethoven und uns später in idealisierte utopische Sphären führen wird.

Das Spiel der Akademie für Alte Musik Berlin ist – wie nicht anders zu erwarten – eine technische Meisterleitung sondergleichen, klanglich exquisit, ungemein präzise und von einem heroischen Stolz getragen. Wenn ein Einwand gestattet ist, so legt die sehr strikte, vor allem rhythmisch unerbittlich exerzierte Wiedergabe der Musik Fußfesseln an. Ein klein wenig mehr an Spontanität und Hintersinn, schalkdurchtriebener dynamischer Freiheit und romantischem Traum würde zu einem weniger sachlichen Ergebnis führen.

Mit der Musik von CPE Bach funktioniert diese detailversessene Akribie besser. Hier kann der exzellente Klangkörper alle spätbarock manierierten Finessen darbieten, das prächtig gestimmte Originalklanginstrumentarium treibt die artikulatorischen Finten und Volten noch an, befördert den janusköpfigen Charakter der Musik zwischen Ironie und Ernst, genussvollem Leben und der Allgegenwart des Todes. Vor allem Bachs 1776 komponierte letzte der vier Orchester-Sinfonien mit zwölf obligaten Stimmen (Besetzung: fünf Streicher, je zwei Flöten, Oboen, Hörner, einem Fagott und Cembalo) ist so naturmächtig ungezähmt und unberechenbar wie ein schlecht gesicherter Klettersteig in den Alpen. Wer genau hinhört, wird an den verschwenderisch gesetzten Kontrasten und harmonisch weiten Horizonten große Freude haben.

Beethovens zweite Symphonie in D-Dur Op. 36, 1801-1803 entstanden, lässt nichts von der privaten Tragödie Beethovens rund um die beginnende Taubheit erahnen. Im Gegenteil, der schöpferische Kontrapunkt zu trüben Lebensumständen führt zu einer verblüffenden frühreifen stilistischen Eigenständigkeit und einer dem Leben zugewandten, beeindruckenden musikalischen Entfaltung. „Ein merkwürdiges, kolossales Werk von einer Tiefe, Kraft und Kunstgelehrsamkeit, wie ganz gewiss keine von allen jemals bekannt gemachten Sinfonien“, sollte ein Zeitgenosse auf den Punkt gebracht urteilen. Mit kühlem Pathos, knapp bemessenen Phrasen und packendem Drive spürt die Akademie für Alte Musik Berlin auch hier jedem kleinsten instrumentalen Detail nach. Frisch, klangmächtig mit erhabenem Ton spielen sie auf. Der festlich aufpolierte Orchesterklang fasziniert, berührt er auch? Jede/r möge dem selbst nachspüren.

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

2)    BEETHOVEN: SYMPHONIE Nr. 9, CHORFANTASIE Op. 80 – FREIBURGER BAROCKORCHESTER, ZÜRICHER SING-AKADEMIE

„Wenn der Töne Zauber walten und des Wortes Weihe spricht, muss sich Herrliches gestalten, Nacht und Stürme werden Licht.“ Christoph Kuffner – Chorfantasie

Eine gute Idee: Dirigent Pablo Heras-Casado koppelt die „Neunte“ mit der 1808 entstandenen Chorfantasie für Klavier, Chor und Orchester. Basierend auf einer mitreißenden Melodie des damals unveröffentlichten Liedes „Gegenliebe“ aus dem Jahr 1795 schrieb Beethoven die Chorfantasie für ein großes Konzert, in dem ausschließlich seine neuesten Werke aufgeführt wurden: die fünfte und sechste Symphonie, das vierte Klavierkonzert sowie Teile der „Messe“ in C-Dur. Da er mit dem Klavierpart nicht fertig wurde, musste Beethoven im Konzert improvisieren. Der Auftritt sollte wegen der schon ausgeprägten Taubheit des Komponisten das Ende seines Wirkens als Pianist markieren. Auf jeden Fall weist die innovative Struktur des Werks mit der einleitend einfachen Melodie samt Variationen, und dem Einstimmen eines Solistenquartetts und großen Chors zu einer grandiosen finalen Apotheose natürlich auf den vierten Satz der Neunten Symphonie hin.

Die Aufnahme der „Chorfantasie“ ist ein großer Wurf geworden. Pablo Heras-Casado steht bei seiner jubelnd lichtvollen Interpretation ein vorzügliches Ensemble zur Verfügung. Das Freiburger Barockorchester, die (bis auf eine verbesserungswürdige Textverständlichkeit) umwerfend gute Zürcher Sing-Akademie sowie das homogene Solistenquartett Christiane Karg (Sopran), Sophie Harmsen (Mezzo), Werner Güra (Tenor) und Florian Boesch (Bass). Kristian Bezuidenhout startet eine effektvolle Virtuosenshow auf dem Hammerklavier. Die vielen Farben des Instruments verführen zum neugierigen Aufhorchen. Im Getümmel des Orchester mit dem Chor könnte einer dennoch versucht sein zu fragen, ob mit einem modernen Flügel nicht vielleicht doch ein durchschlagskräftigeres Ergebnis erzielt hätte werden können? Dies umso mehr, als der Dirigent doch auf Klangwucht und ekstatisches Schürzen von Lieb und Kraft setzt, die den Menschen Göttergunst bescheren soll.

Der Dirigent bleibt insgesamt bei einer klassisch instrumentalen Gangart, frisch al fresco aufgetragen. Dramaturgisch geschickt gesetzte Akzente und präzise herausgearbeitete Variationen und kontrapunktische Geflechte sind zu bestaunen. Das liedhaft Lyrische der Partitur wirkt hingegen weitaus weniger elaboriert. Heras-Casado setzt auf orchestrale Effekte und Glanz besonders im ersten Satz. Das Allegro ma non troppo nimmt er wirklich maestoso: Wie die meisten Dirigenten im Originalklangfahrwasser setzt er statt auf eine raffinierte und individuell mutige Temporegie (war dies in extremis geführt nicht genau das faszinierende Geheimnis von Furtwängler, Knappertsbusch & Co?) auf vordergründig reizvolle dramatische Akzente, Transparenz und das Ausleuchten von Einzelstimmen auf Kosten des musikalischen Flusses. Das ergibt viele spannende Details und ein rhythmisches Feuerwerk, aber der große Bogen und die Noblesse der melodischen Invention bleiben auf der Strecke. Das Adagio wird flott abgespult, das Finale steigert sich zur großen theatralischen Nummer, wo sich der rote Samtvorhang dann wirkungsvoll zum Sternenhimmel hebt. Wie könnte es bei der Vorlage denn auch anders sein.

Die vokale Seite fällt bei identen Ausführenden ein Quäntchen weniger gut als in der Chorfantasie, verlangt doch Beethoven in seiner „Ode an die Freude“ den Solisten weitaus mehr ab als in der vom Pianisten Bezuidenhout ironischerweise als „Neunte mit Stützrädern“ bezeichneten Chorfantasie. Florian Boesch kommt, wie nicht wenige andere seiner Kollegen, beim Basssolo ordentlich ins Schwitzen. Von den übrigen solistischen Leistungen ist Christiane Karg zu nennen, die das kurze, aber eminent schwierige Solo so schön instrumental auf Linie singt wie einst Cheryl Studer.  

Die mit nur 45 Stimmen vergleichsweise klein besetzte Züricher Sing-Akademie agiert technisch vorzüglich und singt klanglich exquisit. Eine erstklassige Chorleistung, die auch der top Chorleitung von Florian Helgath geschuldet ist. Besonders bei dem akustisch mit Mikros so schwer einzufangenden Finale mit großem Orchester, Chor und Solisten ist die audiophile Klangqualität ein Atout.

Fazit: Eine ihre Wirkung nicht verfehlende, auf feurige Dramatik und rhythmische Schärfe fokussierte Interpretation. Das technisch unglaublich perfekte Orchester klingt bei allem Glanz kühl. Die von Beethoven ab dem zweiten Satz aus dem Liedhaften entwickelte vokale Poesie, deren idealerweise musikantisch freies Atmen wollen sich jenseits einer maskenhaften Oberfläche für mein Ohr nicht zu einem emotionalen Antlitz formen. Die Klangqualität ist auf der Höhe der Zeit und stellt sicherlich ein Kaufargument dar.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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