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CD LUDWIG van BEETHOVEN „SYMPHONIE Nr. 7“ – TEODOR CURRENTZIS und MUSICA AETERNA; Sony. Grandios

28.04.2021 | cd

CD LUDWIG van BEETHOVEN „SYMPHONIE Nr. 7“ – TEODOR CURRENTZIS und MUSICA AETERNA; Sony

Grandios

„Ich strebe nach einer Architektur als Offenbarung des Spirituellen und nicht nach einem spirituellen Ansatz, der versucht, der Architektur nachzuspüren.“ Teodor Currentzis über Beethovens „Siebente“ 

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Nach Tchaikovskys „Pathétique“ erreicht Teodor Currentzis mit seiner Erarbeitung der „Siebenten“ von Beethoven jene so seltene Enklave an nachschaffender Unbefangenheit und überzeugender Eigensicht, die selbst einem erfahrenen Hörer überraschende Einsichten und ja, wieder einmal eines der selten gewordenen Gänsehauterlebnisse bescheren. Alle Tage ist das nicht. Dabei bleibt Currentzis bei aller unvergleichlichen Stimmigkeit seines Dirigats durchaus in der Tradition großer Interpretationen der Vergangenheit.

War mir der besessen Probende und detailversessene Genauigkeitsfanatiker das eine oder andere Mal wohl suspekt, weil etwa spektakulär andersartige Tempi doch im Verdacht standen, selbstgezogene l’art pour l’art zu predigen, so überzeugt und überwältigt mich diese „Siebente“ Beethoven von Grund auf.

In einem ist sich Currentzis allerdings gleichgeblieben. Wenn er über Musik spricht, so klingt das eher nach esoterischer Gebrauchsanleitung, denn klarer musikalischer Analyse: „Das Geheimnis liegt darin, sich der Musik zu überlassen und sich der Lebendigkeit und dem Licht hinzugeben; man lässt sich forttragen zur sakralen Choreographie des zweiten Satzes und von dort zum Scherzo und zum tänzerischen Finale. Es ist so etwas wie eine Geburt einer neuen Zelle in einem Universum der Widersprüche.“

Die vorliegende Einspielung entstand im Sommer 2018 im Wiener Konzerthaus. Diesmal erleben wir – wie schon angedeutet – keinen Guru Currentzis, sondern einen gewissenhaften Musiker, der sich genau mit der Vergangenheit und den Möglichkeiten, dieser so oft gespielten Symphonie ungewohnte Facetten abzugewinnen, auseinandergesetzt hat. Da kommt er bisweilen zu anderen Ergebnissen, etwa wenn er im Allegretto weniger eine marcia funebre denn einen antiken Tanz vernimmt.

Currentzis‘ Ansatz ist nicht so revolutionär wie manche meinen (immerhin wird der Revoluzzer 2022 seinen 50. Geburtstag begehen). Das zeigt schon die Nähe zu Karajan, der ebenfalls in Befolgung der Beethoven‘schen Lautstärkeangaben dynamische Extreme so sehr ausreizte, dass nur die besten HiFi-Anlagen damit zurechtkamen. Was die Temporegie anlangt, so kann ein eventuelles Vorurteil, Currentzis wäre von Natur aus ein wild gewordener Raser, ebenfalls leicht widerlegt werden. Braucht Currentzis für die vier Sätze 13,52 – 8,14 – 8,30 und 9,11 Minuten, so ist etwa Arturo Toscanini (11,04 – 7,57 – 6,56 – 6,44) durchwegs viel flotter unterwegs, aber auch Otto Klemperer (Philharmonia Orchestra EMI 12,52 – 9,32 – 8,22 – 8,01) oder André Cluytens (Berliner Philharmoniker, 13,29 – 9,24 – 8,20 – 7,01) bevorzugen  – das Allegretto einmal ausgenommen – raschere Tempi. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. 

Im Übrigen teilt Currentzis den starken Formwillen mit Klemperer. Die Geschwindigkeit in Binnenphrasen abrupt stark anzuziehen und so für enorme Spannung zu sorgen, war schon eine Spezialität des Joseph Keilberth (der heute überhaupt ein Superstar wäre) oder des Fritz Busch. Dennoch findet Currentzis bei dieser „Siebenten“ seinen ganz eigenen Weg, der auch auf eine das Holz besonders einschließende Balance der einzelnen Instrumentengruppen und eine frisch aufgemischte klangliche Ästhetik achtet. Durchhörbarkeit ist Trumpf. Currentzis beginnt im Allegretto pianissimo und baut die Spannung ganz langsam aber stet auf. Das wird zwar von manchen kritisiert, mir gefällt das besonders gut. 

Dass Beethoven und Currentzis gut zusammengehen, war abzusehen. Da treffen zwei Exzentrikerseelen aufeinander, wobei die spätere das noch verschärft und zuspitzt, was der Schöpfer dieser mitreißenden Musik ohnedies als Provokation gedacht hat. Insoweit ist diese auch klangtechnisch irre gute „Siebente“ wunderbar gelungen und in sich künstlerisch logisch. Spätestens beim ,Allegro con brio‘ hebt es einen aus allen Sesseln. Currentzis‘ reifste und aufregend überzeugendste Platte!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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