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CD LUDWIG van BEETHOVEN „LEONORE“ – GWYNETH JONES, JAMES KING, THEO ADAM, GERD NIENSTEDT, EBERHARD WÄCHTER u.a.

Live Aufnahme vom 14. Dezember 1970 aus dem Musikverein Wien

07.03.2021 | cd

CD LUDWIG van BEETHOVEN „LEONORE“ – GWYNETH JONES, JAMES KING, THEO ADAM, GERD NIENSTEDT, EBERHARD WÄCHTER, ROTRAUD HANSMANN, WERNER HOLLWEG, ORF Orchester und Chor unter CARL MELLES; ORFEO d‘OR

 

Live Aufnahme vom 14. Dezember 1970 aus dem Musikverein Wien

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Von Beethovens früher „Fidelio“-Version (1805), der mit all den Koloraturen noch auf frühklassische Vorbilder verweisenden „Leonore“, gibt es hervorragende Originalklang-Aufnahmen, wie diejenigen von Sir John Eliot Gardiner oder René Jacobs dirigierten. Aber auch mit den Einspielungen von Herbert Blomstedt (mit Edda Moser und Richard Cassily) oder dem Live-Mitschnitt aus dem Theater an der Wien unter Bertrand de Billy (mit Camilla Nylund und Kurt Streit) kann der Opernfreund durchaus glücklich werden.

 

Die dreiaktige Fassung mit der fetzigen zweiten Leonorenouvertüre zu Beginn ist dramaturgisch geschlossener als die Letztfassung, theatralischer und auch in ihrer Aussage intimer. Immerhin ging es historisch um eine Frau in der französischen Revolution, die ihren Mann aus der Gewalt von heute würden wir sagen Extremisten befreien wollte. Später wurde daraus die große Freiheitsoper, die sich allgemein gegen politische Willkür und Repression richtet.

 

Nun ist bei Orfeo d‘or der Live-Mitschnitt aus dem Wiener Musikverein vom Dezember 1970 mit den Kräften des ORF samt Singverein unter der musikalischen Leitung von Carl Melles erschienen. Wie so oft an der Wiener Staatsoper in „Fidelio“, waren die Stars der Aufführung Gwyneth Jones und James King. Die (junge) Gwyneth Jones hat alle Rollen, die sie sang, nicht primär unter dem Siegel der stimmmächtigen Heroine, die sie zweifelsohne war, sondern als humane und berührende Vollblutfiguren gestaltet. Das erste Initialerlebnis der Oper verdanke ich persönlich Gwyneth Jones und James King im TV-Film des Fidelio, der 1969 gedreht wurde. Damals dirigierte Karl Böhm das Orchester und den Chor der Deutsche Oper Berlin. Das Video ist bei der Deutschen Grammophon erschienen.

 

Gwyneth Jones war 1970 in der Rolle der Leonore auch in der dreiaktigen Fassung der “Leonore” aus dem Jahr 1805 wohl die führende Sopranistin weltweit. Auch für Leonard Bernstein war sie allererste Wahl für Beethovens “Fidelio” in einer Premiere im Theater an der Wien vom 24. Mai 1970. Gwyneth Jones Größe als Leonore lag in der Natürlichkeit des Vortrags, der beeindruckenden Stimmkraft, einer kreatürlich dramatischen Spontanität, der sich direkt mitteilenden Emotion und ihrer besonders in dieser Figur hinreissenden Bühnenpräsenz. 

 

Der Amerikaner James King als Florestan machte das Leid und die übergroße Not als ungerecht Gefangener so unmittelbar spürbar, dass das Publikum stets das Gefühl hatte, ein Stück echtes Leben und nicht eine Illusion geboten zu bekommen. Das hell silbrige, metallisch durchschlagende Timbre dieses sympathischen, wohl von allen geliebten Heldentenors, prädestinierte ihn für die kurze, aber umso anspruchsvollere Partie des Florestan. Außerdem harmonierte er exzellent mit dem dunkel dramatischen Sopran von Gwyneth Jones. Seine große Arie, die Kerkerszene samt Quartett und dem in der Fassung aus 1805 umwerfend dramatischen Rezitativ/Duett “Ich kann mich noch nicht fassen” werden jedem empfindsamen Opernfreund im Mark erschüttern. Anzumerken ist aber, dass James King absolut keine Schallplattenstimme besaß. Wer ihn nicht live erlebt hat, kann sich anhand bloß akustischer Dokumente nur einen fragmentarischen Eindruck von der dramatischen Eindringlichkeit und der Schönheit seines Tenors verschaffen. 

 

Damit die “Guten” so richtig zur Geltung kommen, braucht es aber auch die Bösen. Der Heldenbariton Theo Adam (der beste Wotan und Holländer, den ich je auf einer Bühne erlebte) als Don Pizzarro, der auch vor Mord an seinen Feinden nicht zurückscheut, war der vom Ausdruck und autoritärer Stimmgebung her furchterregende Gefängnis-Gouverneur und damit der ideale Gegenspieler zum Power-Paar Leonore/Florestan. Als sein zwar im Grunde menschlicher, aber doch furchtsamer Angestellter und Befehlsempfänger Rocco reüssiert Gerd Nienstedt mit Bassessamt, aber final wenig markanten Stimmfarben. 

 

Als zweites Paar Jaquino und Marzelline sind die eminent lyrischen und jungen Stimmen von Werner Hollweg und Rotraud Hansmann zu hören. Eberhard Wächter ist eine Luxusbesetzung in der Rolle des Ministers. So war das halt damals in Wien. 

 

Der ungarisch-österreichische Dirigent Carl Melles (Vater der Schauspielerin Sunnyi Melles) konnte die Dramatik, das innere Glühen dieser Partitur in jeder Minute überzeugend und packend vermitteln. Vor allem das Finale zum dritten Akt legt Melles in einem atemberaubendes Tempo mit ungemeiner Spannung hin. Das ORF Vienna Radio Symphony Orchestra, der großartige, durchschlagskräftige ORF Chor, verstärkt um den Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, waren ihm dabei zuverlässige Partner. 

 

Fazit: Auch wenn im Detail nicht jede Note perfekt gelingt, erlebt der Hörer ganz große Oper, ja ein in jeder Minute wahrhaftes Welttheater. Wärmste Empfehlung nicht nur als historisches Dokument, sondern auch als Zeugnis einer Opernkultur, die die Dringlichkeit, die Quintessenz der Botschaft der Musik über technische Makellosigkeit stellt. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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