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CD LUDWIG VAN BEETHOVEN „Klavierkonzerte 0-7“ – MICHAEL KORSTICK Klavier, CONSTANTIN TRINKS dirigiert das ORF Radio Symphonie Orchester Wien; cpo

27.05.2022 | cd

CD LUDWIG VAN BEETHOVEN „Klavierkonzerte 0-7“ – MICHAEL KORSTICK Klavier, CONSTANTIN TRINKS dirigiert das ORF Radio Symphonie Orchester Wien; cpo

„Der allgemeine Charakter seiner Werke ist ernst, groß, kräftig, edel, höchst gefühlvoll, dazu oft humoristisch und muthwillig, bisweilen auch barock, aber immer geistreich, und wenn auch manchmal düster, doch niemals süßlich elegant, oder weinerlich sentimental.“ Carl Czerny, Beethoven-Schüler

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Wie viel oder besser wie viele dürfen‘s denn sein? Vertraut mit einer klaren Fünf, wenn es um die Zahl der Beethoven’schen Klavierkonzerte geht, haben wir dann irgendwann ein Konzert Nr. 0 akzeptiert, nämlich das Klavierkonzert in Es-Dur WoO 4 des dreizehnjährigen Ludwig und damit ganz gut zu leben gelernt. Bei der Transkription des Violinkonzertes, von Carl Cerny zur Nr. Sieben gestempelt (der hatte sogar das Tripelkonzert Op. 56 als Klavierkonzert Nr. Vier bezeichnet) kann schon gestritten werden, ob ein für die Violine geschriebenes Konzert in der Adaption als genuines Klavierkonzert bezeichnet werden soll. Die D-Dur Skizze von 1815 in der Fassung von Nicholas Cook (Notenausgabe Hermann Dechant mit Kadenz und Coda) wird hier als weiteres Klavierkonzert mit der Ordnungszahl Sechs bezeichnet. Die Sieben hatte ja schon der Czerny, na ja, Sie wissen schon. Tatsächlich ist das „Klavierkonzert in D“ ein Fragment und besteht aus einem ca, 14 Minuten langen Allegro-Satz.

Lassen wir nun diese akademischen Dinge um Sinn oder Unsinn von Gezähltem, Nullerl, das Originäre von Arrangements beiseite und freuen uns ausschließlich an der grandiosen Musik. Denn davon bietet die neue Gesamtaufnahme Füllhörner voll an sinnlich Vergnüglichem und bewundernswert Meisterlichem. Eine zuckersüße Schultüte ist nichts dagegen.

Der gewitzte Rheinländer Michael Korstick, in Hannover, Moskau und and der New Yorker Juillard School profund ausgebildet, legt eine perlenschimmernde, detailgenaue Interpretation des Beethovenschen Oeuvres für Klavier solo und Orchester vor, die zu den absoluten Spitzen im Plattenkatalog zu zählen sind. Auf dem luxuriösen Klavier-Olymp herrscht zwar schon ein gewisses Gedränge an vergötterten und unbestreitbar einzigartigen Tastentigern, aber einer wie Korstick geht immer noch.

Korstick hat einen Steinway (D 606441) gewählt. Mit dieser Entscheidung steht er im Gegensatz zu jüngeren Ansätzen in Aufnahmen, die wohl dem Gedanken einer historisch informierten Aufführungspraxis geschuldet, sich für ein Hammerklavier entschieden haben, wie Kristian Bezuidenhout bzw. Gottlieb Wallisch mit Hammerflügeln nach Conrad Graf oder Franz Bayer. Ein anderer großartiger und von mir geschätzter Pianist, Boris Giltburg, wiederum spielt Beethoven am liebsten auf einem Top Fazioli Flügel, weil die Klarheit phänomenal ist und sich mit einem schönen, singenden Ton verbindet.

Final zählt natürlich das, was ein Künstler aus Partitur und Instrument herausholt, und wie sehr er sich in Symbiose mit Mechanik wagt, kurz gesagt, die Eigenwilligkeit von Materie nutzt, um zu einem einzigartigen Ergebnis zu kommen. Vorausgesetzt, der Virtuose bewegt sich innerhalb des atmosphärischen Charakters eines Stücks, hält sich an die Urtext-Vortragszeichen und gewisse Maßstäbe, innerhalb derer er behutsam Tempi wählt.

Michael Korstick hält als Credo in einem Interview vom Februar 2020 fest, dass der Interpret erkennen muss, „was aus dem Herzen des Komponisten kommt, bevor er sein Herzblut darauf verwendet, das Herz des Hörers zu berühren. Da ist dann kein Platz für Beliebigkeit oder Befindlichkeitsgeschwafel!“ Genau, Musik darf niemals Wohlfühl-Klangteppich sein. Auch nicht das persönlich Exzentrische, Marktschreierische, die physisch gerade noch mögliche Grenznummer gelten Korstick als Richtschnur seines Künstlertums, sondern im Gegenteil durchaus konventionell die intensive Befassung mit Werk, Rezeption und Interpretationshistorie. Er kennt seinen Solomon, ist stilsicher und pflegt eine absolute Texttreue, ohne am Buchstaben zu picken. Mit stupenden Resultaten. Wer die grenzenlose Virtuosität ohne Netz bewundern will, höre sich etwa die Kadenz im Allegro ma non troppo des Konzertes „Nr. Sieben“ in D-Dur an.

Korstick, der von der russischen Schule eine makellose Technik, eine jeder Schwerkraft enthobene Fingerfertigkeit und hohe Anschlagskunst mitgebracht hat, ist Intellektueller und Genießer („Wäre ich nicht Pianist geworden, dann wäre ich heute Testesser für den ‘Guide Michelin’!“), ein tiefschürfender Exeget, der sich seine Spontaneität bewahrt hat, jemand, der sich waghalsig den zwackigen Herausforderungen des Konzertlebens stellt. In den Beethoven- Klavierkonzerten legt er seine vielen Talente in die Waagschale. Er selber bezeugt, dass die Auseinandersetzung mit der Musik von Liszt, Rachmaninov und Prokofiev sein Beethoven-Spiel beeinflusst und damit auch zu einer Synthese beigetragen hat. Mit gottlob frugalem Pedaleinsatz ist Korstick, obwohl glühend vor Passion für sein Tun und Emotion für die Musik, ein Meister der Klarheit – jeder Ton ist klar umzirkelt – wie einst Gould oder Gulda dies pflegten.

Mich begeistern seine Interpretationen aber auch, weil Korstick subtile Zwischentöne und Abschattierungen in Dynamik und Tempi beherrscht wie kaum ein anderer. In Sachen Eleganz in der Phrasierung, langer Atem, Knospen und kunstvolles Binden großer Bögen findet Korstick in Constantin Trinks einen kongenialen Partner, der mit dem ORF Vienna Radio Symphony Orchestra zeigt, worauf es bei der Wiener Klassik im Wesen ankommt.  

Wir erleben so dank Erich Hofmann zudem technisch hervorragend realisierte Studioaufnahmen, die – wie das Korstick einmal so schön festgehalten hat – ein „Abbild der Idealvorstellung“ abgeben. Anhören!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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