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CD Ludwig van BEETHOVEN: DIE RUINEN VON ATHEN – Gesamtaufnahme mit Sprechern, Soli, Chor & Orchester; NAXOS

Was Beethoven zu Theatereröffnungen so alles eingefallen ist

27.02.2020 | cd

CD Ludwig van BEETHOVEN: DIE RUINEN VON ATHEN – Gesamtaufnahme mit Sprechern, Soli, Chor & Orchester; NAXOS

 

Was Beethoven zu Theatereröffnungen so alles eingefallen ist

 

Nach der hervorragende gelungenen Aufnahme von Beethovens „König Stephan“ legt nun Naxos weitere Raritäten des Bonner Meisters mit dem Turku Philharmonic Orchestra, dem Chorus Cathedralis Aboensis unter Leif Segerstam vor. Gestartet wird mit einer schwungvoll hymnischen Wiedergabe der Ouvertüre in C-Dur zu „Die Weihe des Hauses“ Op. 124, gefolgt vom Chor „Folge dem mächtigen Ruf der Ehre“ zu eben diesem Gelegenheitsfestspiel „Die Weihe des Hauses“ des Marinekriegskommissärs Carl Meisls . Die Ausschnitte „Wo sich die Pulse“ WoO 98 und der Marsch mit Chor „Schmückt die Altäre“ aus „Die Ruinen von Athen“ op. 114, folgen, bevor wir eine Gesamtaufnahme der „Ruinen von Athen“ nach einem Text von August Friedrich Ferdinand von Kotzebue hören. 

 

Es war die Weihe eines Theaters, nämlich des Wiener Josefstadttheaters, zu dessen Neueröffnung Beethoven im Auftrag von Direktor Carl Friedrich Hensler die „Weihe des Hauses“ nach Texten von Carl Meisls schrieb. Der wiederum hatte zuvor schon den Text zu „Die Ruinen von Athen“ aus Anlass der Eröffnung des Neuen Theaters in Pest verfasst. Die Weihe des Hauses ist nichts anders als eine musikalische Adaption dieser „Ruinen von Athen“ durch Beethoven selbst, halt für ein Wiener Theater, ausgenommen die prächtige Fest-Ouvertüre, die neu ist. 

 

Die einzelnen Teile lauten

 

Ouvertüre (Andante con moto – Allegro, ma non troppo)

Chor: Tochter des mächtigen Zeus (Andante poco sostenuto)

Duett (ein Grieche und ein griechisches Mädchen): Ohne Verschulden Knechtschaft dulden (Andante con moto – Poco più mosso)

Chor der Derwische: Du hast in deines Ärmels Falten (Allegro, ma non troppo)

Marcia alla turca (Vivace)

Zwischenmusik (Allegro assai, ma non troppo)

Marsch mit Chor: Schmückt die Altare (Assai moderato)

Rezitativ (Hohepriester): Mit reger Freude, die nie erkaltet (Poco adagio)

Chor: Wir tragen empfängliche Herzen im Busen (Allegretto, ma non troppo)

Arie (Hohepriester) und Chor: Will unser Genius noch einen Wunsch gewähren (Adagio)

Chor: Heil unserm König! Heil! (Allegro con fuoco)

 

Die Handlung ist unangenehm antikisch religiös nationalistisch konstruiert und aus heutiger Sicht ganz und gar absurd: Pallas Athene taucht plötzlich nach zwei Jahrtausenden nach dem Tod des Sokrates in Athen auf. Natürlich gibt es das antike Athen nicht mehr. Vom Parthenon und dem Temple des Theseus sind nur noch Ruinen übrig, die Stadtmauern zerstört. Der Turm der Winde beherbergt nun eine Moschee, das Volk ist versklavt. Die Göttin ist schockiert und traurig. Das Volk beklagt sich über die türkische Fremdherrschaft („Ohne Verschulden Knechtschaft dulden“). Athene fordert die Griechen auf, sich gegen die Unterdrücker zu erheben. Dabei zählt sie auf die Unterstützung des Kaisers in Wien. Gemeinsam mit Götterboten Hermes kommt sie nach Pest, wo beide die Eröffnung des neuen Theaters mitfeiern. Zwischen die Büsten der Musen Thalia und Melpomene platziert Zeus diejenige des Kaisers Franz, Athene krönt ihn. Mit dem Chor „Heil unserm König! Heil! Dankend schwören wir aufs Neue alte ungarische Treue“ endet die Sache.

 

Die Musik ist überwiegend von historischem Interesse. Was lernen wir? Beethoven war sich nicht zu schade – natürlich gemessen an seinem Genie – heroisch aufgeplusterte Gebrauchsmusik zu schreiben. Die musikalische Umsetzung durch das finnische Orchester und den exzellenten Beethoven-Dirigenten Leif Segerstam verdient dennoch Lob (vor allem die Ouvertüre ist hörenswert), wenngleich der Chor manchmal dünn klingt und die Solisten sich ihrer Aufgabe nur mit Achtung entledigen. Die beiden Sprecher (Pallas Athene Angela Eberlein, Hermes Claus Obalski) ragen von den Solisten mit ihrer unprätentiösen Sprache und Professionalität über den Durchschnitt hinaus.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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