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CD LUDWIG VAN BEETHOVEN – Complete Variations for Piano, Vol. 3 mit CÉDRIC TIBERGHIEN; harmonia mundi

11.07.2026 | cd

CD LUDWIG VAN BEETHOVEN – Complete Variations for Piano, Vol. 3 mit CÉDRIC TIBERGHIEN; harmonia mundi

beet

Wie schon in den beiden ersten Alben einer Gesamtausgabe aller Klaviervariationen Ludwig van Beethovens mischt Tiberghien, um den Gedanken der Variation breiter zu denken und zu kommunizieren, auch in der abschließenden Edition Werke Beethovens mit Variationen anderer Komponisten.

Auf der vorliegenden Publikation sind das György Ligeti, der mit seinem prominenten Zyklus „Musica ricercata“ vertreten ist, sowie György Kurtág mit seinen Miniaturen „Fleurs nous sommes“ (Játékok), die einzeln oder zu zweien zwischen die Zyklen gestreut, in ihrer poetischen Zartheit und Fragilität kaum zur Geltung kommen.

Bei Beethoven reicht die enorme Bandbreite von dessen letztem und kühnsten Variationenwerk nach einem Walzer von Anton Diabelli, op. 120, bis zu einigen früheren Kompositionen etwa über ein Lied (nach einem anonymen Schweizer „Es hätt e Bur es Töchterli“) oder über diverse Arienmelodien nach komischen Opern und Singspielen von André Grétry (aus „Richard Coeur de Lion“), von Antonio Salieri („Falstaff“) oder von Carl Ditters von Dittersdorf (aus „Das rote Käppchen“).

Cédric Tiberghien, 51-jähriger französischer Pianist, der Arthur Schnabel und Emil Gilels als seine Vorbilder benennt, pflegt einen präzisen, scharf umrissenen Anschlag, ein klar strukturiertes Spiel, dynamisch breit gefächerte Interpretationen sowie im Piano lyrisch verhangene Töne, wie aus dem Nichts geboren.

Einen Höhepunkt des Albums abseits von Beethovens Variationenexperimenten bildet György Ligetis Zyklus „Musica Ricercata“, dessen elfter und letzter Satz mit einem modifizierten Motiv des Girolamo Frescobaldi eine Hommage an den Renaissance-Komponisten darstellt. Da geht es in der Theorie um sich stetig erweiternde „Tonhöhenklassen“, beginnend mit A und D, die sich im weiteren Verlauf zu den zwölf Tönen der chromatischen Tonleiter steigern. In variierten Oktaven gestaltet Ligeti u.a. die Parodie einer Drehorgel (Tempo die Valse, thematisch inspiriert von Chopins Minutenwalzer mal Stravinskys Three Easy Pieces). Nummer 9 versah Ligeti mit der Widmung „in memoriam Béla Bartók“. „Ich fragte mich, was kann ich mit einem einzelnen Ton, was mit seiner Oktave tun, was mit einem Intervall, mit zwei Intervallen, mit bestimmten rhythmischen Verhältnissen.“ Ligeti.

Tiberghien spielt den wunderbaren Zyklus technisch souverän, unter strikter Beachtung der Vortragszeichen von rigido e ceremoniale, con spirito, über lamentoso, capriccioso, energico bis misurato e tranquillo. Dabei lässt er passenderweise bei aller motorischen Strenge zuweilen den Schalk in den Fingern freien Lauf, im Sinne von „Ernst und Karikatur zugleich“, wie dies Ligeti expressis verbis seiner elften Variation zuschrieb.

In den folgenden fünf Zyklen von Beethoven (über ein Schweizer Lied, Gretrys „Une fièvre brûlante“, Wranitzkys ‚Russischem Tanz‘ aus „Das Waldmädchen“, Salieris „La stessa, la stessissima“, sowie Ditterdorfs „Es war einmal ein alter Mann“) bringt Cédric Tiberghien das gesamte klangliche Universum Beethovens für Klavier solo auf seinem Steinway Flügel zum Ausdruck. Die auf privaten Aufträgen beruhenden Stücke bieten genügend Gelegenheit, unterhaltsam den bei aller Konvention schöpferischen, augenzwinkernd hintergründigen Manövern Beethovens zu folgen. Tiberghien entpuppt sich hier als Meister des differenzierten Farbenspiels, als geschickter Stimmungsmacher und nicht zuletzt als Virtuose von Rang.

Natürlich gilt das Hauptaugenmerk des Doppelalbums Beethovens „33 Variationen über einen Walzer von Anton Diabelli“ in C-Dur. Gerade mit diesem aus den Jahren 1819 und 1823 stammenden, vom Verleger Diabelli geordertem Werk, das oftmals eingespielt wurde, überzeugt mich Tiberghien nicht zu hundert Prozent. Um nicht missverstanden zu werden, Tiberghien gelingt es vorzüglich und kontrastreich, das Humorvolle des Zyklus, seine launischen Tempi und die das Karikaturale streifenden Charakteristika, Beethovens spätpubertär wirkende, groteske Imitationen und polyphone Spielereien in gehöriger Prägnanz zum Ausdruck. Ein wenig fehlen mir Anspruch und Hörbarmachen, gesamthaft Bögen zu gestalten, das sich Entwickelnde als übergeordnete Idee mit einzubeziehen. Insgesamt ist die dreiteilige Edition jedoch klar und sicherlich jede Befassung wert.

Inhalt des Albums:

  • 6 Variationen über ein Schweizer Lied F-Dur WoO 64 („Es hätt e Bur es Töchterli“);
  • 8 Variationen C-Dur WoO 72 (aus der Oper „Richard Coeur de Lion“ von Andre Grétry);
  • 12 Variationen A-Dur WoO 71 (über den russischen Tanz aus dem Ballett „Das Waldmädchen“ von Paul Wranitzky);
  • 10 Variationen B-Dur WoO 73 (über La stessa, la stessissima aus der Oper „Falstaff“ von Antonio Salieri);
  • 13 Variationen A-Dur WoO 66 (über Es war einmal ein alter Mann aus der Oper „Das rote Käppchen“ von Carl Ditters von Dittersdorf);
  • Diabelli-Variationen C-Dur, op. 120
  • György Ligeti: Musica ricercata
  • György Kurtág: Játeáok – Fleurs nous sommes…, Eine Blume für Márta

Dr Ingobert Waltenberger

 

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